Sokrates und der faule Sklave
Es war einmal in einer sonnigen Stadt an der Ägäis, die im Schatten der Olivenbäume lag, ein Mann namens Sokrates, der für seine Weisheit bekannt war. Neben diesem klugen Mann lebte ein Sklave, der ihm diente und äußerst faul und gleichgültig war. Der junge Sklave lag den ganzen Tag im Schatten, erledigte keine Aufgabe rechtzeitig und murrte ununterbrochen. Die Leute der Stadt konnten nicht begreifen, wie dieser meisterhafte Weise einen so nutzlosen Mann ertrug. Dennoch wurde der weise Mann nie zornig auf seinen Sklaven; er näherte sich ihm stets mit einem ruhigen Lächeln und wartete geduldig. An einem heißen Sommertag beschloss der Weise, eine lange Reise zu machen, und nahm seinen faulen Sklaven mit. Der junge Mann, der noch ganz am Anfang des Weges war, ging mit schweren Schritten und begann sich ständig über seinen Zustand zu beklagen.
Er behauptete, vom Tragen der Säcke müde zu sein, und wollte unter jedem Baum eine Pause machen. Ein neugieriger Händler, der des Weges kam, blieb stehen, trat zu dem Weisen und fragte erstaunt: „Warum erträgst du diesen nutzlosen Mann und machst dich so müde?“ „Wäre es für dich nicht leichter, ihn fortzuschicken und stattdessen einen fleißigen und flinken Diener zu finden?“ Der weise Meister setzte sich in den Schatten des Olivenbaums am Wegrand und antwortete ruhig: „Reiter wählen die wildesten Pferde, damit sie selbst vor dem schwersten Hindernis meisterhaft werden.“ „Wenn auch ich lerne, mit diesem launischen Mann zu leben, komme ich mit allen Menschen der Welt leicht zurecht.“
Der Händler wusste auf diese tiefen Worte nichts zu erwidern und setzte schweigend seinen Weg fort. Der faule Sklave, der unter dem Baum saß, empfand tiefe Scham, als er diese Worte seines Herrn hörte. Zu begreifen, dass sein Herr ihn nicht als Strafe, sondern als Prüfung der Geduld sah, verletzte seinen Stolz. Von diesem Augenblick an richtete er sich sofort auf, nahm die schweren Lasten auf den Rücken und klagte nie wieder. Der weise Mann aber setzte lächelnd seinen Weg fort und beobachtete stolz die Wandlung seines Sklaven. Wahre Geduld ist die Kunst, selbst den schwierigsten Menschen gegenüber nachsichtig zu bleiben. Geduld ist zwar eine bittere Wurzel, doch ihre Frucht ist immer süß.