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Prometheus und die List

Niveau B2 · 356 Wörter

Prometheus und die List

Es war einmal am Rand eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen, der weise Meister Prometheus. Der kluge Meister wollte den Menschen mit den Werken, die er aus Lehm formte, den Weg zeigen und sie die Tugenden lehren. Eines Tages beschloss er, die glatte und prächtige Statue der Wahrheit zu schaffen, die der Menschheit den Weg weisen sollte. Er knetete den roten Lehm geduldig und gab ihm eine so zarte Form, dass sie jedem, der die Statue ansah, das Herz erwärmte. Diese Statue, die in der wie Silber glänzenden Ecke der Werkstatt stand, war das schönste Sinnbild der Ehrlichkeit. Gerade in diesem Augenblick schickte der Hauptgott Zeus eine dringende Nachricht und rief den weisen Meister in seinen Palast. Als Prometheus die Werkstatt verließ, schlüpfte sein schlauer und neidischer Lehrling List heimlich hinein.

Der schlaue Lehrling betrachtete das wunderbare Werk des Meisters und beschloss, einen Zwilling davon zu machen. „Ich bin so begabt wie der Meister und kann alle täuschen“, flüsterte er zu sich selbst. Er formte den Lehm in großer Eile und versuchte, eine genaue Kopie der Statue zu machen, die sein Meister gemacht hatte. Er vollendete den Kopf und den Körper der Statue vollkommen, doch als er zu den Füßen kam, ging ihm der Lehm aus. Weil die Zeit knapp wurde, stellte er die Statue, deren Füße fehlten, hastig neben den Ofen. Als Prometheus zurückkam, sah er die zwei nebeneinander stehenden Statuen mit Bewunderung an und konnte den Unterschied zwischen ihnen nicht erkennen. „Beide sehen vollkommen aus“, sagte er und hauchte beiden Statuen den Atem des Lebens ein.

Die wahre Statue, die Atem holte, begann sofort mit würdevollen und sicheren Schritten nach vorn zu gehen. Doch die falsche Statue, die der schlaue Lehrling gemacht hatte, blieb an ihrem Platz wie angenagelt stehen, weil sie keine Füße hatte. Wie schön die Falschheit auch aussehen mag, ihr fehlt immer eine Stütze, um einen Schritt zu tun. Der weise Meister verstand seinen Fehler und gab diesem unvollständigen Werk, das der Lehrling gemacht hatte, den Namen Lüge. Von jenem Tag an wanderte die Ehrlichkeit frei in der Welt, während die Lüge immer an ihrem Platz stecken blieb. Auch wenn die nachgeahmte Wirklichkeit auf den ersten Blick die Augen blendet, hat die Lüge keine Füße zum Gehen. Lügen haben kurze Beine.