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Mann und Frau

Niveau C1 · 383 Wörter

Mann und Frau

Es war einmal in einem grünen Dorf, in dem laute Bäche plätscherten, ein einfältiger Mann und seine kluge Frau, die nach Höherem strebte. In den Stunden, in denen ihr Mann auf dem Feld war, lud die Frau heimlich einen wohlhabenden Kaufmann in das Haus ein und deckte ihm köstliche Tafeln. Diese heimlichen Treffen, geschmückt mit prächtigen Teppichen und duftenden Speisen, gingen tagelang weiter, ohne dass jemand davon wusste. Doch eines Nachmittags kam der einfältige Ehemann in einem unerwarteten Augenblick nach Hause, weil das Wetter plötzlich umschlug. Die Frau, die durch das Klopfen an der Tür ganz verwirrt wurde, versteckte den Kaufmann in Panik in der großen hölzernen Truhe im Zimmer. Als der müde Mann hereinkam, sah er das Festmahl auf dem Tisch und fragte erstaunt: "Und für wen ist diese ganze Vorbereitung?"

Die kluge Frau lächelte, ohne im Geringsten die Fassung zu verlieren, und nahm ehrerbietig den schweren Mantel aus der Hand ihres Mannes. "Mein Geliebter", sagte die Frau, "ein weißbärtiger Greis, der in meinen Traum kam, brachte die frohe Botschaft, dass heute Nacht ein großer Gast in unser Haus kommt." Während der Mann einfältig glaubte, was seine Frau sagte, und seine Augen glänzten, war aus der Truhe ein leises Husten zu hören. Die Frau umarmte sofort ihren Mann, der misstrauisch wurde und sich zur Truhe wandte, und sprach süße Worte, um ihn aufzuhalten. "Öffne diesen Deckel ja nicht", flüsterte die Frau, "dort sind die heiligen Geschenke verborgen, die ich dir versprochen habe." Der Mann wurde von diesen Worten seiner Frau getäuscht, ging zur Tür hinaus und begann im Garten ein Gebet des Dankes zu sprechen.

Die wache Frau nutzte die Gelegenheit, öffnete sofort die Truhe und ließ den Kaufmann leise durch die Hintertür entkommen. Der Mann beendete sein Gebet und kehrte hinein, und als er den Deckel der Truhe öffnete, fand er nur ein leeres Tuch. Der Ehemann, der nicht verstand, was geschehen war, wurde von diesem meisterhaften Spiel seiner Frau völlig getäuscht und fügte sich in sein Schicksal. Die Frau aber war angesichts der Einfalt ihres Mannes stolz auf ihren eigenen Verstand, doch sie wagte sich nie wieder an so gefährliche Sachen. So erfuhr der einfältige Ehemann niemals, dass er betrogen worden war, und der Frieden im Haus ging mit einer erfundenen Lüge weiter. Jede Lüge, die gesagt wird, um das Auge der Wahrheit zu schließen, macht am Ende den Boden des Vertrauens dünner. Am Seil einer Lüge steigt man nicht in den Brunnen hinab.