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Glauben und Nichtglauben

Niveau B2 · 358 Wörter

Glauben und Nichtglauben

Es war einmal jenseits der sattgrünen Täler ein uralter Wald, in dem goldgelbe Blätter einander zuflüsterten. In diesem verzauberten Wald lebten ein argloser Wolf, der jedem Wort sofort glaubte, und eine weise Eule, die an jedem Flüstern zweifelte. Der Wolf fiel auf jede süße Lüge herein, die an sein Ohr drang, und streifte über die friedlichen Pfade des Waldes und baute ständig Luftschlösser. Die weise Eule dagegen beobachtete alles vom Ast einer hohen Platane und gab es nie auf, der Spur der Wahrheit zu folgen. Eines Tages schmiedete der listige Fuchs einen schlauen Plan, um diesem arglosen Wolf den Kopf zu verdrehen. Der Fuchs trat zu dem Wolf und erzählte ihm, im Fluss hinter dem Tal flössen Bäche aus süßem Honig.

Dem arglosen Wolf leuchteten die Augen, er glaubte dieses süße Märchen sofort und beschloss, zum Fluss zu laufen. Die weise Eule auf dem Ast glitt ruhig herab, setzte sich vor den Wolf und hielt ihn mit einer Warnung auf. Die Eule betonte, dass im Fluss kein Honig sei, sondern gefährliche Fallen, die Jäger gestellt hatten. Doch der Wolf achtete nicht auf die bittere Warnung der Wahrheit und wollte den Worten der Eule einfach nicht glauben. Sich an die verlockende Lüge des Fuchses zu klammern schien ihm süßer als die schlichte Wahrheit, die ihm die Eule gezeigt hatte. Der Wolf wies den freundlichen Rat der Eule hochmütig zurück und lief weiter schnell zum Fluss.

Der listige Fuchs aber trat beiseite, kicherte und sah dieser Arglosigkeit vergnügt zu. Als der Wolf ans Flussufer kam, fiel er statt in Honig in das scharfe Netz des Jägers, das dort auf ihn wartete. Der Wolf zahlte den schweren Preis dafür, einer Lüge nachgelaufen zu sein, und verfing sich in den Knoten des Netzes umso mehr, je heftiger er zappelte. Die Eule, die ihn von fern beobachtete, hatte Erbarmen, zerschnitt mit Schnabelhieben das Seil und rettete den Wolf mit Mühe. Der Wolf blickte auf seine im Fluss versunkenen Träume und auf die eigene Unwissenheit und begriff seinen Fehler mit Schmerz. Von jenem Tag an lernte der arglose Wolf, bittere Wahrheiten anzuhören, statt süßen Lügen blind zu glauben. Der Mensch muss nicht den süßen Lügen glauben, die er hören will, sondern den bitteren Wahrheiten, die ihn schützen. An dem Strick eines Lügners steigt man nicht in den Brunnen.