Die zwei Wege
Vor langer Zeit lebten zwei junge Brüder am Rand eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen. Der ältere Bruder Emre liebte bequeme Wege, doch der junge Kerem fürchtete die Arbeit nie. Eines Tages verließen die Brüder das Haus des Vaters, um in fernen Ländern ihr Glück zu suchen. Nach vielen Tagen der Reise kamen sie an eine breite Kreuzung, wo sich zwei Wege trennten. Auf dem einen Weg leuchteten goldene Blumen, auf dem anderen lagen steile und scharfe Steine.
Sie fragten den alten weisen Mann an der Kreuzung, welchen Weg sie nehmen sollten. Der Weise lächelte und sagte: „Der Blumenweg ist kurz, doch am Ende bleibt ihr mit leeren Händen.“ „Der Steinweg dauert zwei Jahre, aber er schenkt dem Geduldigen einen echten Schatz“, fügte er hinzu. Der ungeduldige Emre stürzte sofort auf den glänzenden Blumenweg und verschwand schnell aus dem Blick. Kerem aber holte tief Luft und entschied sich für den harten Steinweg.
Zwei Jahre lang überquerte Kerem Berge, arbeitete auf den Feldern und lernte wertvolles Wissen von Meistern. Emre glaubte bald an falsche Vergnügen, gab sein ganzes Erspartes aus und wurde arm. Am Ende der zwei Jahre standen sich die Brüder an derselben Kreuzung wieder gegenüber. Dank seiner Erfahrung, seiner Weisheit und seiner Ehrlichkeit war Kerem ein geachteter Meister geworden.
Emre aber senkte den Kopf voller Reue, denn er hatte in zwei Jahren nichts geleistet. Kerem nahm die Hand seines Bruders und versprach, ihn geduldiges Arbeiten zu lehren. Wahres Glück liegt nicht auf leichten Wegen, sondern auf langen Wegen voller Mühe. Ohne Fleiß kein Preis.