Alle Geschichten

Die zwei Kahlköpfe

Niveau B2 · 332 Wörter

Die zwei Kahlköpfe

Es war einmal in einer fröhlichen Stadt, wo goldgelbe Ähren wogten, zwei enge Freunde. Das auffälligste Merkmal dieser Freunde waren ihre kahlen Köpfe, die hell glänzten. Die Leute der Stadt erkannten sie sogar aus weiter Entfernung leicht am Glanz auf ihren Köpfen. Beide machten sich an einem kühlen Morgen auf den Weg, um zum Marktplatz zu gehen. Während sie unterwegs angenehm plauderten, fielen ihre Augen plötzlich auf einen glänzenden Gegenstand zwischen den Büschen. Als sie neugierig näher kamen, bemerkten sie einen geschmückten Kamm, der wie ein auf die Erde gefallener Schatz leuchtete. Der Griff aus Elfenbein und die ganz feinen Zähne des Kammes sahen in der Morgensonne herrlich aus.

Zuerst stürzte der Große vor, nahm den Kamm in die Hand und rief vor Freude. „Ich habe diesen prächtigen Kamm zuerst gesehen, also gehört er nun ganz mir!“, sagte er. Sein kleiner Freund widersprach dem sofort und runzelte die Stirn. „Nein, mein Freund, meine Augen haben ihn zuerst zwischen den Büschen bemerkt!“, rief er. Innerhalb weniger Sekunden gerieten die zwei alten Freunde in einen erbarmungslosen Streit um den Besitz des Kammes. Der eine zog den Kamm nach rechts, der andere hing mit aller Kraft nach links. Als ihr Zorn wuchs, wurden ihre Stimmen lauter, und sie begannen, einander grob zu stoßen und zu schubsen.

Ein alter Großvater, der auf dem Weg vorbeikam, trat zu ihnen, als er diesen hitzigen Streit sah. Er sah die zwei Männer und den geschmückten Kamm in ihren Händen an und lachte tief auf. „Nun sagt, was könnt ihr denn nicht teilen; auf euren Köpfen ist ja nicht ein einziges Haar!“, rief er. Die zwei Freunde hielten auf einmal inne und sahen zuerst auf den Kamm in ihren Händen und dann auf die kahlen Köpfe des anderen. Als sie verstanden, dass sie um einen Gegenstand stritten, der ihnen keinen Nutzen brachte, lächelten sie beschämt. Sie legten den Kamm auf einen Stein am Wegrand und setzten schweigend ihren Weg fort. Wer seine Freundschaft um Dinge verdirbt, die ihm nichts nützen, gewinnt dabei nur Reue. Hätte der Kahlkopf ein Mittel, würde er es auf seinen eigenen Kopf reiben.