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Die Ziege und der Wolf

Niveau C2 · 387 Wörter

Die Ziege und der Wolf

Es war einmal, jenseits der nebligen Berge, auf steilen Felsen, die in den Himmel ragten, eine gescheckte Ziege. Diese Ziege glitt mit flinken Schritten über die steilen Hänge und weidete im kühlen Wind der Höhen fröhlich den frischesten Thymian. Unten im tiefen Tal aber streifte ein listiger und hinterhältiger Wolf umher, dessen Augen vor Gier funkelten. Seit Tagen schmiedete der Wolf heimtückische Pläne, diese kluge Ziege zu jagen und zu verschlingen. Doch jene steilen und glatten Felsen zu erklimmen war für ihn wegen seines schweren Körpers ein unmöglicher Traum. Während das purpurne Licht der Sonne die steilen Hänge erhellte, fraß die Ziege wieder am gefährlichsten Rand des Abgrunds. Um die Gelegenheit nicht zu verpassen, näherte sich der Wolf langsam dem Fuß des Felsens und legte eine falsche Zärtlichkeit in seine Stimme.

"O meine anmutige Nachbarin, ich fürchte so sehr, dass du dort ausrutschst und fällst, dass mir das Herz schmerzt", rief er. Mit stolzer Miene wandte die Ziege den Kopf nach unten und blickte ruhig in die hinterhältigen und hungrigen Augen des Wolfes. Der listige Wolf fuhr mit seinen geschwollenen Sätzen fort und versuchte die Ziege zu täuschen: "Bitte komm herunter auf jene kühle und grüne Wiese." "Hier gibt es köstliche Kräuter, die genau zu dir passen, und Wasser, das wie Kristall fließt." Vom ersten Augenblick an begriff die Ziege die tödliche Absicht, die hinter dieser süßen Schmeichelei lag. Mit einem leichten Lächeln, das auf ihrem Gesicht erschien, beschloss sie die Antwort zu geben, die die geheuchelte Sorge des Wolfes zunichtemachen würde. "Deine Höflichkeit und deine Anteilnahme haben mir Tränen in die Augen getrieben, lieber Nachbar", rief sie von den Felsen herab.

"Doch deine wahre Absicht ist nicht, mich zu schützen, sondern deinen eigenen hungrigen Bauch mit mir zu füllen." Der Wolf, dessen Maske gefallen und dessen Spiel vereitelt war, heulte vor Wut, doch er wusste sehr wohl, dass er diese hohen Felsen nicht erreichen konnte. Die kluge Ziege aber blieb auf den sicheren Höhen und beobachtete lächelnd das hilflose Zappeln ihres listigen Widersachers. Der Wolf, dessen betrügerischer Plan mit einem Misserfolg endete, zog sich hungrig und elend in die dunklen Tiefen des Waldes zurück. Die Ziege aber empfand auf ihren hohen Felsen, auf denen sie festen Stand hatte, den Stolz, frei und in Sicherheit zu leben. Wer den süßen Worten des Feindes nicht glaubt und die Vorsicht nicht fahren lässt, ist stets vor Gefahren geschützt. Aus einem Wolf wird nie ein Hirte.