Die wohlmeinenden Wölfe
Es war einmal, jenseits der sattgrünen Täler, am Ufer eines klaren Flusses, der rauschend dahinfloss, lebte eine friedliche Schafherde. In dem dichten Wald, der an dieses Tal grenzte, wohnten zwei wohlmeinende Wölfe, die sich um die strenge Kälte des Winters sorgten. Als die Wölfe sahen, wie die geschorenen Schafe zitterten, fürchteten sie aufrichtig, dass diese vor Hunger und Kälte zugrunde gehen würden. "Wenn wir diesen armen Freunden nicht helfen, wo bleibt dann unser Mitleid?", dachten sie bei sich. So machten sie sich mit gänzlich gütigen Absichten auf den Weg zum Pferch der Schafe. Um Mitternacht erreichten die Wölfe das Tor des Pferchs und riefen die Schafe mit einem freundlichen Lächeln an.
"Liebe Nachbarn, als wir dieses eisige Pfeifen des Windes hörten, spürten wir, dass ihr innerlich zittert", sagte der alte Wolf. Der weise Widder, der Anführer der Herde war, trat misstrauisch näher und antwortete: "Wir haben unsere dicke Wolle und unser schützendes Dach." Doch die Wölfe hörten nicht zu und bestanden darauf, sie in das warme und verborgene Wäldchen in den Tiefen des Waldes zu tragen. "Euer Hirte beutet euch aus, wir aber wollen euch frei machen und euch warm einhüllen", fügte der junge Wolf hinzu. Die wohlmeinenden Wölfe, die den Einwänden der Schafe kein Gehör schenkten, rissen die Zäune des Pferchs nieder und trieben die ganze Herde in den pechschwarzen Wald. Auf den steilen Felsen des Waldes und zwischen dem Gestrüpp begannen die weichen Felle der Schafe zu reißen und ihre Füße zu bluten.
Die Wölfe glaubten zu helfen und stießen sie noch weiter hinein, doch die Schafe, die in der Dunkelheit den Weg verloren, stürzten von den Abgründen. "Halt, wir versuchen doch nur, euch zu beschützen!", riefen die Wölfe verzweifelt der untergehenden Sonne hinterher. Als die Sonne aufging, erkannten die Wölfe, die vor Eifer, Gutes zu tun, blind geworden waren, mit Entsetzen die Verwüstung, die sie angerichtet hatten. Dieser unwissende Eingriff, der im Namen des Mitleids geschah, führte dazu, dass die friedliche Herde sich völlig zerstreute und ins Elend geriet. Diese Großzügigkeit, die ohne Verständnis für die Natur und die Bedürfnisse der Schafe dargeboten wurde, verwandelte sich in das größte Unglück. Die Wölfe senkten unter der Last ihrer verfehlten Absichten die Köpfe und zogen sich in die Schatten des tiefen Waldes zurück. Ein guter Wille, der sich mit Unwissenheit und Unbedachtsamkeit verbindet, schadet zuweilen mehr als der erbarmungsloseste Feind. Wer die Augenbraue richten will, sticht das Auge aus.