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Die Vogelscheuche

Niveau C2 · 394 Wörter

Die Vogelscheuche

Vor langer Zeit gab es in einem fruchtbaren Tal, in dem der Wind süß flüsterte, ein prächtiges Feld aus goldenem Weizen. Genau in der Mitte dieses Feldes stand eine stattliche Vogelscheuche mit einem abgetragenen Hut auf dem Kopf und einem warmen Herzen aus Stroh in der Brust. Die Menschen der Gegend sahen in ihr wegen ihres furchterregenden Aussehens den unbesiegbaren Wächter des Feldes und hielten sich fern. Doch hinter ihrer stattlichen Haltung besaß diese einsame Vogelscheuche eine überaus zarte Seele, die jedem Lebewesen in der Natur mit Liebe begegnete. Tagsüber betrachtete sie den unendlichen Himmel, und nachts verbrachte sie ihre Zeit damit, still den glitzernden Märchen der Sterne zu lauschen. An einem heißen Sommernachmittag bedeckte plötzlich ein riesiger Schwarm Krähen, den die Dürre hungrig gemacht hatte, den Himmel. Der hochmütige Anführer des Schwarms setzte sich mit dreister Miene auf die hölzerne Schulter der Vogelscheuche und begann zu krächzen.

"Du Mann aus Holz, tritt sofort beiseite, damit wir unsere Bäuche mit diesen köstlichen Weizenkörnern füllen können!", schrie er. Die Vogelscheuche warnte sie mit einem weisen Lächeln: "Wenn ihr dieses Feld plündert, wird der fleißige Bauer den ganzen Winter hungern." Der Anführer der Krähen kümmerte sich nicht im Geringsten um diese Warnung und stürzte sich gierig auf die erste frische Ähre. Daraufhin begann die Vogelscheuche, ihre hölzernen Arme mit großem Zorn zu schlagen, unterstützt von dem starken Wind, der wehte. Die alten Metallglocken, die an ihrem Gewand befestigt waren, erklangen plötzlich, hallten im Tal wider und erschreckten die Krähen. "Ich werde euch niemals erlauben, diesem heiligen Feld zu schaden, das im Schweiße des Angesichts gesät wurde!", brüllte die Vogelscheuche. Angesichts dieses unerschütterlichen Willens und jener sich erhebenden mächtigen Stimme erschrak der Schwarm im Nu und zog sich zurück.

Diese entschlossene Haltung und das edle Herz, welche die Vogelscheuche zeigte, weckten in den Köpfen der hungrigen Krähen eine tiefe Bewunderung. Der Anführer der Krähen schwebte mit verlegener Miene herab, entschuldigte sich und versprach, dass sie der Ernte auf dem Feld niemals schaden würden. Auch die Vogelscheuche zeigte angesichts dieser Aufrichtigkeit ihre Großzügigkeit und willigte ein, die auf den Boden verstreuten abgefallenen Körner mit ihnen zu teilen. So wurden im Tal die Grundlagen einer tiefen Freundschaft und eines Friedens gelegt, die viele Jahre währen sollten. Der Bauer aber sammelte, als der Herbst kam, den Reichtum seines Feldes mit Freude ein und lächelte seiner treuen Vogelscheuche dankbar zu. Eine gerechte und entschlossene Haltung vermag selbst die erbittertsten Feindschaften in dauerhafte Freundschaften zu verwandeln. Wer Gutes tut, dem widerfährt Gutes.