Die Schnecke und der Spiegel
Es war einmal in der Ecke eines feuchten Gartens, in dem kühle Wasser flossen, eine kleine Schnecke. Diese Schnecke war stolz auf das hell glänzende Haus auf ihrem Rücken und glitt den ganzen Tag langsam über die Blätter. Während der Duft der bunten Blumen im Garten sich mit dem Wind verbreitete, glitzerten die Tautropfen auf dem Gras wie Juwelen. Jeden Morgen kostete die ruhige Schnecke das frische Gras und zog sich zur Seite zurück, um zu warten, bis die Sonne wärmer wurde. Eines Tages stieß sie unter dem riesigen Blatt einer Erdbeere auf einen glänzenden Gegenstand, den sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich dem Gegenstand langsam näherte, stand sie der glatten Fläche eines zerbrochenen Spiegels gegenüber. Im Glas sah sie eine andere Schnecke, die sie ansah, mit langen Fühlern und einem lieben Gesicht.
„Hallo, Fremde, was suchst du in diesem schönen Garten?“, fragte sie aufgeregt. Doch die Schnecke im Glas gab keinen Laut von sich; sie bewegte nur ihre Lippen. Als die kleine Schnecke einen Schritt nach vorn machte, kam die andere im selben Augenblick auf sie zu. Dieses Wesen vor ihr neigte den Kopf zur Seite und wedelte mit den Fühlern, genau wie sie selbst. „Du möchtest wohl meine Freundin werden“, sagte sie und richtete fröhlich ihr Haus auf. Sie streckte den Kopf aus, um die Fremde zu berühren, stieß aber gegen eine kalte und harte Fläche. Verblüfft zog sie sich zurück und merkte, dass auch das Bild vor ihr mit derselben Angst zusammenzuckte.
In diesem Augenblick beobachtete ein weiser Marienkäfer, der durch den Garten kam, lächelnd die Mühe der Schnecke. Der Marienkäfer setzte sich auf das Blatt und sagte: „Was du siehst, ist keine andere, sondern nur dein eigenes Spiegelbild.“ Als die Schnecke ihre Fühler an das Glas hielt, verstand sie endlich, dass das Bild im Glas sie nachahmte. Jenes schöne Wesen mit dem Haus, über das sie sich jahrelang gewundert hatte, war in Wahrheit niemand anderes als sie selbst. Die Schnecke, die nun die Wahrheit begriffen hatte, lächelte ihr Spiegelbild ein letztes Mal an und ging ihres Weges. Viele Schönheiten, die wir in der äußeren Welt suchen, sind in Wahrheit in unserem eigenen Wesen verborgen. Ein Spiegel zeigt das Gesicht eines Menschen, nicht sein Wesen.