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Die Schlange und die Eidechse

Niveau B2 · 367 Wörter

Die Schlange und die Eidechse

Es war einmal eine Schlange und eine Eidechse, die in einem stillen Tal lebten, in dem sich goldgelber Sand und warme Felsen erstreckten. Die grüne, schuppige Eidechse lief mit ihren flinken Füßen fröhlich über die Felsen und genoss die Sonne. Die Schlange aber, die unter den langen und schattigen Felsen dahinglitt, beobachtete diese schnellen Schritte der Eidechse jeden Tag mit Neid. Die Schlange mochte ihr eigenes Kriechen nicht und wünschte sich mehr als alles andere die flinken Füße der Eidechse. Eines Tages konnte sie diesen nagenden Wunsch nicht mehr verbergen und trat vor die Eidechse. „Sag mir, Nachbarin, wie kannst du so schnell und so frei laufen?“, fragte die Schlange neugierig. Die Eidechse lächelte freundlich und sagte, dass ihre Füße ein besonderes Geschenk der Natur seien.

Die ehrgeizige Schlange aber gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und schlug der Eidechse vor, die Füße zu tauschen. „Wenn du mir deine Füße für einen Tag leihst, biete ich dir meine leckerste Beute an“, sagte die Schlange. Die kleine Eidechse wusste zwar, dass dieses Angebot gefährlich war, aber sie hielt dem Drängen der Schlange nicht stand und sagte ja. Doch die Gesetze der Natur zu ändern war keine so leichte und harmlose Sache, wie man dachte. Mit großer Aufregung versuchte die Schlange, die Schritte der Eidechse nachzuahmen, aber sie verlor ständig das Gleichgewicht und rollte von den Felsen. Die Eidechse dagegen konnte sich mit ihrem Körper, der über den Boden schleifte, nicht bewegen und blieb hilflos an ihrem Platz festgenagelt. Beide verstanden schon bald, dass sie sich mit diesem fremden Körperbau nicht bewegen konnten.

Genau in diesem Augenblick bemerkte ein riesiger Adler, der am Himmel dahinglitt, diese beiden hilflos zappelnden Wesen. Als die Schlange und die Eidechse die nahende Gefahr sahen, begriffen sie, wie sehr sie ihre alten Fähigkeiten brauchten. Sie erkannten sofort ihren Fehler, kehrten zu ihrer eigenen Gestalt zurück und stürmten schnell zwischen die Felsen. Die Schlange verkroch sich mit ihrem gewundenen Körper in ein enges Loch, und die Eidechse kletterte mit ihren flinken Füßen in einen hohen Spalt. Während der Adler mit leeren Händen zurückkehrte, atmeten die beiden Nachbarn tief durch und dankten für ihr eigenes Wesen. Kein Lebewesen findet je Ruhe und Sicherheit, wenn es nicht nach seiner eigenen Natur lebt. Beneide nicht das Pferd des anderen, sonst bleibst du zu Fuß.