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Die Nachtigall und der Falke

Niveau B2 · 333 Wörter

Die Nachtigall und der Falke

Vor langer Zeit lebte tief in einem alten Wald, durch den kühle Wasser flossen, eine Nachtigall mit süßer Stimme. Jeden Morgen setzte sich diese Nachtigall auf einen hohen Eichenast und sang den Bewohnern des Waldes ihre schönsten Lieder. Hoch am Himmel aber schwebte ein mächtiger Falke, der mit scharfen Augen nach Beute suchte. Wenn die kleinen Vögel des Waldes den Schatten dieses starken Jägers sahen, versteckten sie sich voller Angst zwischen den Blättern. Die liebliche Nachtigall jedoch war so in ihr Lied versunken, dass sie die nahende Gefahr nicht bemerkte. Plötzlich stieß der Falke von oben herab und packte die hilflose Nachtigall fest mit seinen starken Krallen.

Vor Schmerz zappelnd begann der kleine Vogel den Falken anzuflehen, ihn freizulassen. "Bitte friss mich nicht, mein winziger Körper reicht nicht, um deinen Magen zu füllen", sagte die Nachtigall. "Wenn du mich gehen lässt, kann ich dir zeigen, wo die schmackhaftesten und größten Vögel des Waldes sind." Der Falke warf dem zitternden Vogel in seiner Kralle einen kalten und listigen Blick zu. "Eine kleine Beute, die ich jetzt halte, ist mehr wert als ein großes Märchen von morgen", antwortete er. Die Nachtigall nutzte ihren Verstand und sprach in einem letzten Versuch weiter, um den Jäger zu überzeugen.

"Aber ich singe dir jeden Tag fröhliche Lieder und beruhige deine Seele", sagte sie und versuchte ihr Glück ein letztes Mal. Der stolze Falke jedoch gab seinen Entschluss nicht auf und hielt seine Beute noch fester. Ohne auf die süßen Worte der kleinen Nachtigall zu hören, beschloss der Falke, sie mit einem Bissen zu verschlingen. Er hatte nicht die Absicht, das sichere Glück in seinen Krallen für schwache Versprechen zu verlieren. Als die hilflose Nachtigall begriff, dass sie den Entschluss des Jägers nicht ändern konnte, verfiel sie in ein tiefes Schweigen. Mit der Ruhe, sein Abendessen gesichert zu haben, flog der Falke zu seinem Nest in den hohen Felsen. Wer die greifbaren Möglichkeiten in seiner Hand für ungewisse künftige Gewinne aufgibt, erlebt am Ende nur Enttäuschung. Ein Spatz in der Hand ist besser als eine Taube im Busch.