Die Krähe und die Vögel beim Festmahl
Vor langer Zeit lag am Rande eines alten Waldes, an dem kühle Wasser vorbeizogen, ein prächtiges Tal, in dem sich Vögel aller Farben versammelten. Während der milde Herbstwind die goldgelben Blätter der Bäume tanzen ließ, hatten die Bewohner des Waldes mit den Vorbereitungen für ein großes Festmahl begonnen. Süße Früchte, schmackhafte Körner und frisch gepflückte Beeren waren sorgfältig auf einem langen Holztisch aufgereiht. Die Nachtigallen sangen ihre schönsten Lieder, und die Zaunkönige empfingen die Gäste mit fröhlichem Flügelschlag. Während alle Vögel hofften, dieses feine Fest in Freundschaft zu verbringen, tauchte hinter den Büschen eine listige Krähe auf. Als die Krähe die köstlichen Gaben auf dem Tisch erblickte, funkelten ihre Augen vor Gier, und sie ließ sich sogleich mitten in der Gesellschaft nieder. „Es wäre gewiss nicht recht, wenn ihr eine so köstliche Tafel allein abräumen würdet“, sagte sie und räusperte sich hochmütig.
Die weise Eule des Waldes trat vor, grüßte die Krähe höflich und lud sie an die Tafel. Doch die Krähe begnügte sich nicht damit, Gast zu sein, sondern begann, die größten und schmackhaftesten Bissen vor sich zu häufen. Während die anderen Vögel einander verblüfft ansahen, setzte die stolze Krähe ihre prahlerische Rede fort. „Wo es einen so erhabenen und weisen Vogel wie mich gibt, gehören die süßesten Früchte selbstverständlich mir“, sagte sie. Überdies scheute sie sich nicht, während sie die Speisen hastig hinunterschlang, auch nach dem Anteil der anderen Vögel zu schielen. Die Spatzen und die Tauben, äußerst verärgert über dieses gierige Verhalten der Krähe, begannen zu murren. Als diese Spannung unter den Vögeln wuchs, stürzte die Krähe nach vorn, um die kostbarste goldgelbe Feige des Tisches zu erhaschen.
Gerade als sie die Feige verschlingen wollte, verlor sie durch ihre maßlose Gier das Gleichgewicht und stürzte in die große Wasserschale auf dem Tisch. Mit den durchnässten, schwer gewordenen Federn bot die Krähe ein lächerliches Bild und begann zu zappeln, und alle Speisen auf dem Tisch wurden umhergestreut. Die anderen Vögel zogen die Krähe gemeinsam aus dem Wasser, betrachteten ihren beschämenden Zustand jedoch mit einem Lächeln. Beschämt über ihr Unrecht und ihre Gier, strich die Krähe ihre Flügel glatt und musste das Tal schweigend verlassen. Die Vögel aber ordneten ihre Tafel neu und setzten ihr Festmahl fröhlich und gerecht fort. Wer nach dem Recht anderer schielt und niemals satt wird, verliert auch das Seine und ist zur Einsamkeit verdammt. Wer zu viel will, bekommt am Ende gar nichts.