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Die Krähe und das Schaf

Niveau B2 · 358 Wörter

Die Krähe und das Schaf

Es war einmal auf einer weiten Wiese, wo kühle Wasser sanft dahinflossen, ein altes Schaf, das graste. Mit seinem weichen, schneeweißen Vlies hatte dieses Schaf die Liebe aller Tiere ringsum gewonnen, und es war sehr geduldig. Doch eine listige und lärmende Krähe kam mit dem ersten Licht des Tages auf diese stille Wiese. Die Krähe mit den schwarzen Federn hatte es sich angewöhnt, sich jeden Morgen, wenn der Wind sanft wehte, auf den Rücken des Schafes zu setzen. Das arme Schaf versuchte ohne einen Laut zu grasen, doch das endlose Kratzen der Krähe störte es sehr. Wieder einmal, an einem heißen Mittag, als die Sonne glänzte, hockte sich die Krähe plötzlich auf den Rücken des Schafes. Mit ihrem scharfen Schnabel zupfte sie an der weichen Wolle des Schafes und krächzte unaufhörlich mit ihrer hässlichen Stimme.

Das Schaf blickte über seine Schulter zurück zur Krähe und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Warum störst du mich ständig auf meinem Rücken, Krähe?“ fragte es sanftmütig. „Ich habe dir nie geschadet, warum belästigst du mich also ständig?“ Die Krähe blähte stolz ihre Brust auf und antwortete dem Schaf mit einem lauten Lachen. „Weil du sehr ruhig bist und dich mir niemals widersetzen kannst“, sagte sie frech. Das Schaf schüttelte den Kopf und zeigte auf den Wachhund, der ein Stück weiter schlief. „Würdest du dasselbe wohl bei diesem Hund mit den scharfen Zähnen wagen?“ fragte es.

„Wenn du dich auf seinen Rücken setztest, würde er dich mit einem Griff packen und dich sofort bestrafen.“ Die Krähe lächelte hinterlistig, sträubte ihre Federn und sprach mit selbstsicherer Miene. „Ich weiß sehr genau, wen ich störe und wem ich Achtung zeige“, sagte sie. „Den Schwachen und Sanftmütigen steige ich auf den Kopf, den Starken und Gefährlichen aber zeige ich ein freundliches Gesicht.“ Vor dieser selbstsüchtigen und feigen Antwort der Krähe versank das Schaf in tiefes Schweigen. Es begriff, dass die Bösen nur gegenüber sanften Geschöpfen mutig sein konnten, die ihre Stimme nicht erheben. Von jenem Tag an schüttelte sich das Schaf, warf die Krähe von seinem Rücken und ging entschlossen zum anderen Ende der Wiese. Das Schweigen sanftmütiger Menschen, die sich nicht wehren, steigert den Mut der Feiglinge, die es auf die Schwachen abgesehen haben. Wer sich zum Schaf macht, den frisst der Wolf.