Die Krähe auf dem Rücken des Schafs und der Wolf
Es war einmal, auf einer weiten Weide, wo der Wind sanft wehte, da graste ein Schaf mit ganz weicher Wolle. Dieses bescheidene Schaf zeigte allen Lebewesen um sich herum unendliche Nachsicht und Geduld. Eines Tages kam eine schelmische Krähe herangeglitten und setzte sich unbekümmert auf den Rücken des Schafes. Die Krähe sah recht vergnügt aus, während sie mit dem Schnabel die Wolle des Schafes durchwühlte und ihr Gefieder ordnete. Das ruhige Schaf aber graste friedlich weiter, ohne sich darüber im Geringsten zu beschweren. Ein hungriger Wolf, der sich hinter den Büschen versteckte, begann diesen unerwarteten Anblick verwundert zu betrachten. Der Wolf wurde über dieses kühne Verhalten der Krähe zugleich zornig und neidisch.
Mit heimtückischen Schritten näherte er sich der Weide und rief der Krähe in barschem und listigem Ton zu. "Du unverschämte Krähe, natürlich ist es leicht, sich unbekümmert auf ein armes Schaf zu setzen und sich zu vergnügen!" "Ob du es wohl wagen würdest, dieselbe Respektlosigkeit auf meinem Rücken zu begehen?" "Wisse, dass meine scharfen Zähne und starken Krallen deine dürftigen Flügel augenblicklich zerreißen würden!" Die Krähe wedelte, ohne sich im Geringsten aus der Ruhe bringen zu lassen, mit dem Schwanz und sah dem Wolf in die Augen. Sie lüftete ihre schwarzen Flügel ein wenig und antwortete dem Wolf mit einem listigen Lächeln. "Ich weiß sehr gut, wem und wann ich mich beuge und bei wem ich mich zieren darf."
"Die Barmherzigkeit eines ruhigen Freundes auszunutzen und dem Zorn eines Wilden auszuweichen sind zweierlei Künste." Der Wolf erstarrte und wusste angesichts dieser vernünftigen und mutigen Antwort der Krähe nicht, was er sagen sollte. Der stolze Waldbewohner, der sich seiner eigenen Kraft rühmte, wurde vor dem Verstand der Krähe geradezu zermalmt. Die Krähe hingegen plusterte ihr Gefieder auf und fuhr fort, auf dem Rücken des Schafes fröhlich ihren Schnabel zu putzen. Der Wolf, der nicht begriff, wie ihm geschah, klemmte beschämt den Schwanz zwischen die Beine und zog sich in den Wald zurück. Er begriff, dass die wahre Stärke nicht in roher Gewalt liegt, sondern darin, den richtigen Zeitpunkt und die richtige Person zu kennen. Kluge Wesen wissen, wie sie sich wem gegenüber verhalten müssen, und setzen ihre Schritte stets mit Besonnenheit. Scharfer Essig schadet seinem eigenen Krug.