Die Katze im Mönchsgewand
Vor langer Zeit lebte am Rand eines alten Waldes, durch den kühle Wasser flossen, ein betagter Kater, der für seine Schläue bekannt war. Da er nicht mehr so schnell laufen konnte wie früher, fiel es ihm schwer, die Mäuse in ihren Löchern zu fangen, und verzweifelt suchte er nach neuen Mitteln. Eines Tages kam ihm eine unerhörte List in den Sinn: Er stülpte sich eine Kappe aus Filz auf den Kopf und hängte sich eine lange Gebetskette um den Hals. Er gab sich das Ansehen eines frommen Mönchs, zog sich in die Höhlung eines gewaltigen Baumes zurück, schloss die Augen und begann zu beten. Als die kleinen Mäuse ringsum diesen weise und sanftmütig aussehenden Kater erblickten, gerieten sie in großes Staunen. Die älteste der Mäuse nahm all ihren Mut zusammen und trat einige Schritte auf die Baumhöhlung zu.
Mit ganz weicher Stimme sagte der Kater: "Ich habe meine früheren Sünden bereut, ich tue niemandem mehr etwas zuleide." Er fuhr in seiner Rede fort und erklärte mit süßen Worten, er werde sich fortan nur noch von Gras ernähren und im Gebet den Frieden suchen. Die arglosen Mäuse glaubten diesen aufrichtig klingenden Worten und fassten allmählich wieder Vertrauen zu dem Kater. Jeden Abend versammelten sie sich um den listigen Kater und lauschten seinen Ratschlägen mit großer Ehrerbietung. Doch kaum war die Andacht zu Ende, erbeutete der Kater lautlos die hinterste Maus, die hinter der Gruppe zurückblieb. Innerhalb weniger Tage blutete die Gemeinschaft aus, und die Zahl der Mäuse nahm sichtlich ab.
Eine wache junge Maus, die Verdacht schöpfte, beschloss eines Abends, die Andacht heimlich von einem hohen Ast aus zu beobachten. Gerade als sich alle zerstreuten, sah sie, wie der Kater mit der scharfen Kralle, die unter seiner Kutte hervorfuhr, eine Maus packte. Sogleich schrie die junge Maus voller Entsetzen: "Dieser Kater ist kein Mönch, er ist nur ein verkleideter Jäger!" Die Mäuse, die nun die Wahrheit erkannten, stoben in großer Panik in die Tiefen ihrer Löcher davon. So waren die Lügen, die der listige Kater so süß vorgetragen hatte, samt seiner List vollkommen vergeblich. Von jenem Tag an ließen sich die Mäuse nie wieder vom Schein täuschen und lernten, stets auf der Hut zu leben. Wer sich von schönen Worten und äußerem Glanz leicht betören lässt, bemerkt die dahinter verborgene Gefahr viel zu spät. Der Wolf wechselt sein Fell, aber nie sein Wesen.