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Die Henne, die Küken und der Milan

Niveau C1 · 410 Wörter

Die Henne, die Küken und der Milan

Vor langer Zeit lebte in einem stillen Bauernhof, dessen Mauern von gelbem Efeu umrankt waren, eine liebevolle Henne, die ihre Jungen mit größter Sorgfalt hütete. Diese mütterliche Henne bewahrte ihre weich gefiederten Küken vor Gefahren und erzählte ihnen jeden Abend Märchen, bis sie in süßen Schlaf sanken. Auf dem Gipfel der hohen Klippen aber hatte ein Milan sein Nest gebaut: der hochmütige Bewohner des Himmels, scharfäugig und raubgierig. Zwischen ihnen bestand ein nachbarschaftliches Recht, und wenn sie Not litten, scheuten sie sich nie, an die Tür des anderen zu klopfen. Eines Tages beschloss die Henne, ihren Küken für die nahenden Wintertage warme Kleider zu nähen. Da sie keine feste Nadel zum Nähen besaß, ging sie zu ihrem Nachbarn, dem Milan, der am Himmel schwebte, und bat ihn um Hilfe. Als der Milan der Henne die glitzernde silberne Nadel hinstreckte, die er aus seiner Kiste geholt hatte, warnte er sie sorgfältig.

"Diese Nadel ist ein Erbe meiner Vorfahren; du musst sie mit größter Sorgfalt hüten und sie zurückbringen, sobald deine Arbeit getan ist", sagte er. Die Henne versprach es, machte sich fröhlich auf den Weg zum Hühnerstall und ging daran, ihren Kleinen farbenfrohe Kleider zu nähen. Doch gegen Abend, gerade als sie die letzte Masche machte, glitt ihr die silberne Nadel vor Müdigkeit aus der Hand und verschwand im Gras. In großer Eile begann die Henne, die Erde zu scharren, doch bis die Dunkelheit hereinbrach fand sie keine Spur von der Nadel. Am nächsten Morgen stand der Milan vor der Tür, und als er sein Erbe zurückverlangte, musste die Henne voller Verlegenheit die Wahrheit gestehen. Blind vor Wut brüllte der Milan: "Du hast das dir Anvertraute nicht gehütet, also nehme ich deine Küken, bis du meine Nadel findest." Mit den Flügeln schlagend stieg der Milan in die Luft, kniff die Augen zusammen und begehrte sogleich die Jungen der hilflosen Henne.

Von jenem Tag an ließ die mütterliche Henne niemals davon ab, Tag und Nacht die Erde zu scharren, in der Hoffnung, die verlorene Nadel zu finden. Bei jedem Scharren durchsuchte sie die Erde Stück für Stück und verbarg ihre Jungen unter den Flügeln, um sie zu schützen, während sie den Himmel absuchte. Der Milan aber schwebte zwischen den Wolken, richtete die Augen nach unten und passte eine Gelegenheit ab, den Preis seines Verlustes einzutreiben. So wich die Freundschaft zwischen den beiden alten Nachbarn einer endlosen Verfolgung und einer unerschöpflichen Reue. So zerrissen die Bande der Freundschaft, und im Hof begann eine unerbittliche Jagd, die für immer dauern sollte. Einen Schatten auf das Anvertraute zu werfen reißt selbst die festesten Freundschaften in eine unumkehrbare Feindseligkeit. Am Anvertrauten begeht man keinen Verrat.