Die Grillen
Vor langer Zeit lebten fröhliche Menschen am Rand eines alten Waldes mit kühlen Bächen. Sie arbeiteten, bestellten den Boden und plauderten abends am Feuer. Eines Tages stiegen die Musen vom Himmel herab und sangen ihre bezauberndsten Lieder. Sogar der Wind im Wald hielt plötzlich inne, um diesen süßen Weisen zu lauschen. Als die Menschen die gewaltigen Stimmen hörten, waren sie verzaubert und vergaßen ihre Arbeit. Von den Liedern verzaubert, folgte eine junge Schar den Musen tief in den Wald. In der Hitze des Tages und im Mondlicht der Nacht sangen sie ohne Pause.
Tage vergingen, doch die begeisterten jungen Leute dachten weder ans Essen noch ans Trinken. Einer von ihnen sagte matt: „Die Musik nährt unsere Seele, wir brauchen nichts anderes.“ „Dieses Lied soll niemals enden, sondern ewig dauern,“ flüsterte ein anderer mit leuchtenden Augen. Die alten Dorfältesten kamen in den Wald und wollten sie zur Heimkehr überreden. Doch die musikverliebten jungen Leute konnten sich dem Zauber der Melodien nicht entziehen. Ihre Körper wurden schwach vor Hunger, doch ihre Lust am Singen blieb ungebrochen. Schließlich versagten ihre Knie, und sie sanken zu Boden und schlossen die Augen.
Von solcher Treue und Hingabe gerührt, eilten die Musen ihnen sogleich zu Hilfe. Sie setzten ihre Zauberkraft ein, um diese unendliche Liebe zur Musik zu belohnen. Sie verwandelten die daliegenden Körper in winzige, geflügelte und liebliche Grillen. Ihnen wurde geschenkt, den ganzen Sommer ohne Speise und Trank fröhlich zu singen. Seit jenem Tag erfreuen diese kleinen Wesen die Sommertage auf den Zweigen. Große Leidenschaften, die den Menschen ans Leben binden, leben über die Zeit hinaus. Wer im Sommer sät, wird im Winter satt.