Die flüsternden Diebe
Vor langer Zeit lebte in einem geschützten Tal, das friedlich im Schoß dichter Kiefernwälder schlummerte, ein tapferer und kluger Hirte namens Kerem. Die Bewohner dieses grünen Tals empfanden tiefe Sorge wegen des seltsamen Flüsterns, das sich am Abend von den Hügeln erhob. Diese unheimlichen Laute, die sich mit dem Heulen des Windes mischten, deuteten auf geheimnisvolle Räuber hin, die die Herden des Dorfes stahlen. Niemand hatte je das Gesicht dieser Räuber gesehen, denn sie bewegten sich nur nachts, flüsternd im Schatten der Dunkelheit. Der kluge Kerem war entschlossen, dieses Rätsel zu lösen, um seine Schafe und den Frieden der Dorfbewohner zu schützen. In einer schattigen Nacht, in der der Mond wie ein silbernes Tablett glänzte, versteckte sich Kerem hinter einer riesigen Eiche. Kaum war Mitternacht vorüber, erhoben sich furchterregende und gedämpfte Stimmen, die zwischen den Büschen raschelten.
Der Anführer der Räuberbande sah seinen Gehilfen an und flüsterte mit listiger Miene: "Heute Nacht nehmen wir die fettesten Widder und verwischen unsere Spuren." Der andere Räuber grinste und flüsterte zur Antwort: "Die Wächter des Dorfes liegen in tiefem Schlaf, niemand wird uns auch nur riechen." Kerem hörte hinter den Büschen den Plan der Räuber mit großer Aufmerksamkeit an, und sogleich kam ihm ein glänzender Einfall. Er schlug die kupferne Glocke, die er bei sich trug, gegen einen Felsbrocken und warf sie in Richtung der widerhallenden Höhle des Berges. Dann machte er seine Stimme dünn und rief aus dem Inneren der tiefen Höhle mit einem rauen Flüstern: "Fangt sofort diese Frechen, die unser Gut überfallen!" Das gewaltige Flüstern, das in der Höhle widerhallte, verwandelte sich in der pechschwarzen Dunkelheit in ein schauriges Brüllen eines Ungeheuers. Die Räuber glaubten, von den Geistern des dunklen Waldes umzingelt zu sein, und erstarrten in großer Panik auf der Stelle.
Dem Bandenführer zitterten die Knie vor Angst, und er ließ die Ledersäcke in seiner Satteltasche fallen und versuchte zu fliehen. Kerem ließ das feste Seilnetz, das er zuvor vorbereitet hatte, von dem Ast, auf dem er sich versteckte, rasch auf die Räuber fallen. Die flüsternden Räuber, die in der Falle gefangen waren, begannen sich hilflos zu winden, aneinandergeklammert. Als der Morgen anbrach, übergab Kerem zusammen mit den Dorfbewohnern diese listigen Diebe der Gerechtigkeit. Die Menschen des Tals fanden dank des überlegenen Verstandes und des Mutes des Hirten wieder zu ihrem friedlichen Schlaf. Wie geheim und geflüstert das Böse auch sein mag, es ist dazu verdammt, vor dem Licht des Verstandes und des Mutes zu vergehen. Lügen haben kurze Beine.