Die Fliege am Wagenrad
Vor langer Zeit gab es am Rande einer weiten Ebene, auf der die goldenen Ähren wogten, einen steilen Anstieg. Während die Sonne genau im Zenit glühte, kletterte ein schwerer und prächtiger Karawanenwagen, den vier starke Pferde zogen, ganz langsam hinauf. Auf dem eisenbeschlagenen Rad des Wagens aber saß eine kleine, freche Fliege, die sich für einen Riesen hielt. Während das Rad sich drehte, verhüllte die dichte Staubwolke, die ringsum aufstieg, die Augen der stolzen Fliege vollständig. Diese Fliege, die sich um die Schwere der Last, welche die Pferde zogen, gar nicht kümmerte, begann prahlerisch ihre Umgebung zu betrachten. Die Fliege, die ihre Flügel voller Stolz spreizte, summte fröhlich und festigte ihren Platz auf dem Rad noch mehr. "Seht doch nur diese gewaltige Staubwolke, die ich aufwirble!", rief sie und wandte sich an die Vögel in der Umgebung.
"Ohne meine Kraft könnte dieser riesige Wagen diesen steilen Anstieg niemals bewältigen!", prahlte sie. Die müden Pferde, die beim Erklimmen des Anstiegs in dicken Perlen schwitzten, achteten nicht einmal auf diese lächerliche Aufgeblasenheit der Fliege. Doch eine alte Ameise, die am Rande des Weges stand, konnte angesichts dieses lächerlichen Schauspiels nicht länger schweigen. Die Ameise rief: "He, kleine Freundin, du bist nur ein Schmarotzer, der auf dem Rücken derer kriecht, die die Last ziehen!" Die Fliege wurde über diese Worte zornig und fuhr auf: "Wie kannst du es wagen, meine gewaltige Kraft und meine Mühe geringzuschätzen!" Sie fuhr fort, ihre Brust zu schwellen, und hielt den Staub, der bei jeder Drehung des Rades aufgewirbelt wurde, für ein Werk ihres eigenen Sieges. Als man jedoch an die steilste und felsigste Stelle des Weges gelangte, nahm das Rütteln des Wagens gewaltig zu.
Die starken Pferde spannten ihre Muskeln aus Stahl an und rollten die Räder mit einem letzten Anlauf bis zur Kuppe hinauf. Ein großer Klumpen Schlamm, der emporspritzte, schleuderte die stolze Fliege im Nu vom Rad zu Boden. Die Fliege, die im Staub liegen blieb, sah verwundert, wie sich der Wagen auch ohne sie rasch entfernte. Weder von dem Sturm, den sie erregt zu haben glaubte, noch von jener großen Kraft blieb die geringste Spur. Mit der Scham, ihr eigenes kleines Dasein neben denen, die die wahre Arbeit leisten, für riesig gehalten zu haben, verbarg sie sich zwischen den Sträuchern. Wer sich durch die Arbeit anderer erhebt und den eigenen Schatten für einen Riesen hält, ist dazu verurteilt, die Wahrheit durch den Wind der Wirklichkeit zu erkennen. Die leere Ähre steht aufrecht.