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Die Eule und die Vögel

Niveau C1 · 346 Wörter

Die Eule und die Vögel

Vor langer Zeit lebte in einem bezaubernden Wald, wo kühle Wasser sanft flossen und uralte Eichen emporragten, eine weise Eule. Dieser weise Vogel besaß die Gabe, in der tiefen Stille der Nacht die Geheimnisse des Universums zu ergründen und die kommenden Gefahren zu erahnen. Die übrigen Bewohner des Waldes, voller fröhlichem Gezwitscher, genossen nur den Tag und dachten nie an die Stürme, die der morgige Tag bringen würde. Eines Tages bemerkte die weise Eule einen kleinen Eichensetzling, der frisch aus der Erde spross, und die Leinsamen daneben. Die Eule hörte sogleich die Schritte der Gefahr und rief alle Vögel des Waldes zu einer dringenden Versammlung. Als sich alle zwitschernden Vögel neugierig versammelt hatten, begann die weise Eule mit tiefer und vorsichtiger Stimme zu sprechen.

"Wenn diese sprießende Eiche wächst, wird darauf Mistel wachsen und den Menschen klebrige Fallen bieten, um uns zu fangen", sagte sie. "Wenn zudem jene Leinsamen keimen, wird der Mensch aus diesen Fasern feste Netze weben, die uns gefangen halten", fügte sie hinzu. Sie riet den Vögeln eindringlich, diesen Setzling und diese Samen sogleich aus der Erde zu reißen und zu vernichten, solange noch Zeit war. Die kleinen Vögel aber empfingen die ernsten Warnungen der Eule mit lautem Gelächter und spotteten über sie. "Du verdirbst uns mit deinen Hirngespinsten die Freude; wie kann uns ein winziges Kraut schaden?", zwitscherten sie. Die weise Eule zog sich mit einem tiefen Seufzer in ihre Ecke zurück, die gleichgültigen Vögel aber spielten sorglos weiter.

Die Jahreszeiten vergingen rasch, der Lein gedieh und die Eiche wuchs mit dichten Zweigen zum Himmel empor. Nicht lange danach kamen die Menschen; sie woben aus dem Lein feste Netze und bereiteten aus der Mistel der Eiche klebrige Fallen. Die unwissenden Vögel, die einst die Warnungen verachtet hatten, fielen einer nach dem anderen in diese erbarmungslosen Fallen und verloren ihre Freiheit. Die Vögel, die ihren Fehler durch eine bittere Erfahrung begriffen, begannen von jenem Tag an, große Ehrfurcht vor der Eule zu empfinden. Doch es war zu spät, und die weise Eule gab ihnen keinen Rat mehr, sondern begnügte sich damit, sie mit Kummer anzusehen. Die weisen Ratschläge, die vor dem Unglück gegeben werden, zu überhören, öffnet die Tür zu einer endlosen Reue. Späte Reue nützt nichts.