Die Ameise und die Fliege
Es war einmal im Schatten einer uralten Platane, wo kühle Wasser flossen, ein süßes Treiben. In der brennenden Hitze der Sommersonne trug die kleine Ameise ohne Unterlass Weizenkörner, um ihre Wintervorräte zu füllen. In diesem Augenblick beobachtete eine hochmütige Fliege, die mit bunten Flügeln durch die Luft glitt, diese Mühe der Ameise mit spöttischen Augen. Die Fliege war ein Geschöpf, das stolz darauf war, auf den Tafeln der Paläste umherzugehen und sich von den Resten der Festmähler zu ernähren, und das ohne Mühe zu leben liebte. An diesem heißen Sommertag, der vom Duft der Erde durchzogen war, kreuzten sich die Wege der beiden Insekten am Rand eines Weizenfeldes. Die Fliege setzte sich auf ein Blatt, und während sie ihre glänzenden Flügel trocknete, sah sie die Ameise an und begann fröhlich zu summen.
„Arme Ameise, warum quälst du dich in dieser Hitze und trägst ohne Pause schwere Lasten?“, sagte sie. „Ich aber gehe in den Palästen der Könige umher und nehme mühelos den ersten Anteil vom Fleisch der edelsten Opfer“, prahlte sie. Die Ameise legte das schwere Korn auf ihrem Rücken sorgsam auf den Boden, wischte sich den Schweiß ab und wandte ihre Augen der Fliege zu. „Du rühmst dich der Reste auf dem Tisch anderer, aber was wirst du tun, wenn jene Festmähler zu Ende sind?“, fragte sie. Die Fliege lachte über diese Worte und antwortete: „Solange man den Tag leben kann, ist an morgen zu denken nur die Sache kleiner Geschöpfe wie dir.“ Die Ameise sah die hochmütige Fliege mit mitleidigen Augen an, nahm ihre Last wieder auf die Schulter und ging geduldig ihres Weges weiter.
Den ganzen Sommer über vergnügte sich die Fliege, während die Ameise weiter ihren Wintervorrat in ihrem sicheren Zuhause lagerte. Dann legten sich die Winde des Herbstes, und die eisige Kälte des Winters fiel wie eine schwarze Decke über den ganzen Wald. Die Blumen welkten, die Fenster der Paläste wurden geschlossen, und die hochmütige Fliege fand nicht einen einzigen Krümel zu essen. Vor Kälte zitternd kroch die Fliege hilflos bis zur Tür des warmen und mit Vorräten gefüllten Hauses der Ameise. Doch die Ameise sah die Fliege hinter der Tür an und erinnerte sie daran, dass wer zur rechten Zeit keine Mühe gibt, im Winter leidet. Die Ameise, die den Weizen genoss, den sie mit eigener Mühe gesammelt hatte, verbrachte den Winter in Frieden in ihrem warmen Zuhause. Wer den Wert der Arbeit und des Schweißes nicht kennt, ist dazu verurteilt, hilflos zu sein, wenn schwere Zeiten kommen. Wem im August der Kopf kocht, dem kocht im Winter der Topf.