Die alte Frau und der Weinkrug
Es war einmal in einem reizenden Mittelmeerstädtchen, das von Olivenbäumen bedeckt war, eine alte Frau. Diese Frau, die die Müdigkeit der Jahre mit einem süßen Lächeln im Gesicht trug, hatte mit ihren fröhlichen Gesprächen die Liebe aller gewonnen. An einem warmen Herbsttag beschloss sie, die vergessenen Sachen im Keller ihres alten Holzhauses aufzuräumen. Während sie zwischen den staubigen Regalen umherging, fiel ihr ein großer Krug aus Ton ins Auge, der in der Ecke stand. Die geheimnisvolle Luft, die diesen zerbeulten Krug umgab, weckte sogleich die Neugier der Frau. Mit langsamen Schritten trat sie an den Krug heran und wischte mit der Hand die dicke Staubschicht von ihm ab. Als sie den Deckel des Kruges öffnete, strömte ein süßer und betörender Duft heraus, der jahrelang darin gewartet hatte.
Nicht ein einziger Tropfen Flüssigkeit war darin geblieben, doch die Wände aus Ton hatten das alte Aroma eingeschlossen und bewahrt. Die Frau beugte sich hinab, um den Krug mit beiden Händen zu fassen, und hielt ihre Nase ganz nah an seine weite Öffnung. Sie holte tief Luft und zog jenen köstlichen, fruchtigen Duft bis in ihre Lungen. Sie schloss die Augen, erinnerte sich an die schönen Erinnerungen der Vergangenheit und begann mit sich selbst zu reden. "Ah, was für ein wunderbarer und reicher Duft das ist!", flüsterte sie. "Wie schaffst du es, einen Menschen so zu bezaubern, wo doch nicht ein einziger Tropfen in dir geblieben ist?" "Wenn schon dein Rest so süß ist, wie herrlich musst du erst in den Tagen gewesen sein, als du die Becher fülltest!"
Die alte Frau empfand über dieses Augenblicksglück, das ihr der leere Krug schenkte, eine kindliche Freude. In diesem Tongefäß hatte sie die Kunstfertigkeit alter Zeiten und die Anmut der Vergangenheit neu entdeckt. Statt zu denken, der Krug tauge zu nichts mehr, und ihn wegzuwerfen, stellte sie ihn in die schönste Ecke des Kellers. Denn der Wert der Dinge, die ihre Seele bewahren, auch wenn sie ihr Wesen verlieren, unterliegt der Zeit nicht. Von jenem Tag an zog sie jedes Mal, wenn sie in den Keller ging, jenen schönen Duft ein und lächelte weiter. Wahre Schönheit und Güte verlieren ihre Spur nie, auch wenn Jahre über sie hinweggegangen sind. Der Edle entartet nicht, der Honig verdirbt nicht.