Der zum Festmahl geladene Bauer
Vor langer Zeit, fern von allem Lärm, im Schoß smaragdgrüner Wälder, gab es ein überaus liebliches Dorf. In diesem Dorf lebte ein aufrichtiger Bauer namens Hasan, der mit seiner Bescheidenheit und seiner Ehrlichkeit die Liebe aller gewonnen hatte. In dem prächtigen Herrenhaus auf der anderen Seite des Tals aber herrschte ein hochmütiger Adliger, der den Prunk sehr liebte. Eines Tages lud dieser adlige Mann Hasan zu einem prächtigen Abend in seinem Herrenhaus ein, um sich über die Unwissenheit der Bauern zu belustigen. Hasan nahm diese Einladung mit einer reinen Freude an, zog seine saubersten Kleider an und nahm den Weg zum Herrenhaus. Als die vergoldeten Türen sich öffneten, erschien eine lange und prächtige Tafel, die unter blendenden Kronleuchtern gedeckt war. Auf dem Tisch lagen allerlei silberne Gabeln, goldene Löffel und exotische Speisen, die er nie zuvor gesehen hatte.
Der Gastgeber, der adlige Mann, blickte mit einem spöttischen Lächeln auf Hasan und zeigte ihm den Ehrenplatz an der Tafel. Als die Suppen serviert wurden, begann der adlige Mann Hasan mit größter Aufmerksamkeit zu beobachten, weil er dachte, dieser werde nicht wissen, welchen Löffel er benutzen solle. Ohne im Geringsten zu zögern begann Hasan die Suppe vor sich zu essen, indem er Brot hineintauchte, und machte seinen Teller vollkommen sauber. Während die feinen Gäste an der Tafel mit Erstaunen tuschelten, fragte der Gastgeber: "Hat Ihnen unser Essgeschirr nicht gefallen, mein Freund?" Mit einem herzlichen Lächeln gab Hasan diese Antwort: "Der Mann, dessen Bauch hungrig ist, sucht nicht das Werkzeug, sondern den Geschmack, mein Herr." Danach schluckte er das Fleisch, das in einer geschmückten, aber winzigen Portion gereicht wurde, in einem einzigen Bissen hinunter und schob seinen Teller beiseite. Der adlige Mann versuchte ihn zu sticheln, indem er sagte: "Von den Regeln des guten Benehmens ist Ihnen wohl nicht viel zugefallen."
Hasan richtete sich auf und blickte mit Ruhe auf den Besitzer des Herrenhauses und auf die hochmütigen Gäste. "In unserem Dorf wird die Tafel mit Besinnung eröffnet, man wird mit Aufrichtigkeit satt und man steht mit Dankbarkeit auf", sagte er. "Eure silbernen Löffel füllen den Bauch nicht, und eure geschmückten Worte reichen nicht aus, um die Seele zu nähren." Vor diesen weisen Worten ließ die tiefe Stille im Saal das Gesicht des hochmütigen Adligen vor Scham erröten. In jener Nacht, in der niemand auch nur ein einziges Wort sagen konnte, stand Hasan stolz von der Tafel auf und kehrte in sein Haus zurück. Der Prunk prunkvoller Tafeln bleibt neben einem aufrichtigen Herzen und einer schlichten Wahrheit stets ohne Geltung. Den Menschen empfängt man nach seiner Kleidung und verabschiedet ihn nach seinem Gespräch.