Der Wolf und der Esel
Es war einmal ein alter Esel, der in einem grünen Tal weidete, wo kühle Wasser sanft flossen. Dieses kundige Tier konnte dank der Erfahrung der Jahre den Duft der frischesten Gräser auf den Feldern aus vielen Metern Entfernung wahrnehmen. Während die goldgelben Strahlen der Sonne die Wiese wärmten, tauchte zwischen den Büschen langsam ein hinterhältiger Schatten auf. Der schlaueste und hungrigste Wolf des Waldes näherte sich dem Esel mit der Freude, ein köstliches Abendessen gefunden zu haben. Obwohl er die Gefahr spürte, beschloss der weise Esel, der begriff, dass er nicht fliehen konnte, seinen Verstand zu gebrauchen. Der kluge Esel begann sofort zu hinken und stieß einen tiefen Seufzer aus, als ob er Schmerzen hätte. Als der Wolf die Hilflosigkeit seiner Beute sah, lächelte er mit hochmütiger Miene und versperrte ihm den Weg.
"Wohin so eilig, mein Freund? Mir scheint, dass deine Reise hier endet", sagte der Wolf. Der Esel kniff die Augen zusammen und antwortete seinem schlauen Gegner mit zitternder Stimme. "Ich weiß, dass du mich fressen wirst, Meister Wolf, aber ich bitte dich, diesen riesigen Dorn aus meinem Fuß zu ziehen." "Sonst wird jener spitze Dorn in deiner Kehle stecken bleiben und auch dir schlimm wehtun." Angesichts dieser vernünftigen Warnung zögerte der Wolf einen Augenblick und dachte mit Appetit nach. "Du hast recht, ich will mir den Geschmack meiner letzten Mahlzeit nicht verderben, ich ziehe zuerst jenen verfluchten Dorn heraus", murmelte er. Er hielt es niemals für möglich, dass eine so leichte Beute ihn täuschen könnte.
Der Wolf beugte sich ungeduldig über den Hinterfuß des Esels und begann ihn aufmerksam zu untersuchen. Der Esel aber, der genau auf diesen Augenblick gewartet hatte, sammelte seine ganze Kraft in den Hinterbeinen. Der harte Tritt, der in die Luft stieg, explodierte als lauter Schlag, der am Kiefer des Wolfes dröhnte. Der Wolf, der nicht begriff, was ihn getroffen hatte, rollte mit blutendem Maul und zerbrochenen Zähnen zu Boden. Der kluge Esel, der die Gelegenheit nutzte, verschwand mit schnellen Schritten in den sicheren Tiefen des Tales aus den Augen. Der benommene schlaue Jäger blieb hilflos ganz allein im Staub zurück. Wer in Gewässer segelt, die ihn nichts angehen, erleidet in dem Augenblick, in dem er es am wenigsten erwartet, eine schwere Niederlage. Nicht jeder Vogel ist gut zu essen.