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Der Wolf, der lesen lernte

Niveau C2 · 372 Wörter

Der Wolf, der lesen lernte

Es war einmal, im Herzen eines tiefen Waldes, in dem kühle Wasser flossen, lebte ein gieriger, aber sehr neugieriger Wolf. Als dieser Wolf sah, dass die weise Eule des Waldes den anderen Tieren das Lesen beibrachte, fasste er eine große Begeisterung für das Alphabet. Sein Ziel war nicht, Wissen zu erwerben, sondern durch das Lesen schwache Beute leicht zu täuschen und zu schnappen. Eines Morgens ging er unter die Eiche mit den silbernen Blättern und sagte der Eule, dass er bei ihr Unterricht nehmen wolle. Obwohl die weise Eule die Absicht des Wolfes verdächtigte, wies sie den Schüler nicht ab und legte ihm die Holztafel vor. Als die Eule auf den ersten Buchstaben zeigte und "A" sagte, rief der Wolf ungeduldig: "Appetitliches Lamm mit weißem Kopf!" Als der Lehrer traurig den Kopf schüttelte und den Buchstaben "B" zeigte, leckte sich der Wolf gierig die Lefzen und antwortete: "Bock, gut gemästet!"

Wie sehr sie sich auch bemühten, der Sinn des Wolfes war nicht bei den Buchstaben, sondern nur bei seinem Magen. In diesem Augenblick betrachtete ein kluger Esel, der durch den Wald streifte, diese komische Mühe des Wolfes aus der Ferne. Der Esel trat sogleich an den Wolf heran und sagte ihm, dass er ihm bei seiner Lektion helfen könne. Der Wolf fragte mit spöttischer Miene: "Was verstehst du denn von Buchstaben?" Der Esel sagte mit ganz ruhiger Stimme: "Auf meinem hinteren Hufeisen steht ein unbezahlbares Siegel geschrieben." Der Wolf, der mit seinem gerade begonnenen Lesen prahlen wollte, willigte sofort ein, diese geheimnisvolle Schrift zu lesen. Der Wolf, der sich neugierig dem Hinterbein des Esels näherte, richtete seine Aufmerksamkeit sorgfältig auf die undeutlichen Linien, die in den Huf geritzt waren.

Während der Wolf versuchte, die Buchstaben zu entziffern, setzte der Esel mit einer plötzlichen Bewegung einen Hufschlag auf das Kinn des Wolfes. Der unglückliche Wolf, der nicht begriff, wie ihm geschah, kugelte sich überschlagend in die nahen Büsche. Der Wolf, der seine geschwollene Nase und sein schmerzendes Kinn hielt, begriff die Wahrheit durch eine bittere Erfahrung. Er verstand, dass das Erlernen von Wissen eine tiefere Tugend erfordert als rohe Gewalt oder List. Der listige Jäger verschwand, nachdem er seine Strafe erhalten hatte, still in Richtung der Tiefen des Waldes aus den Augen. Wer mit böser Absicht dem Wissen nachjagt, wird am Ende zum Opfer seiner eigenen Unwissenheit. Wie die Absicht, so das Glück.