Der verräterische Storch
Vor langer Zeit gab es am Rand eines alten Waldes, wo kühle Wasser fröhlich flossen und mächtige Eichen zum Himmel ragten, das Nest eines Storches. In diesem hohen Nest lebte ein treuer langbeiniger Storch zusammen mit seiner anmutigen, aber hinterlistigen Frau. Wenn der männliche Storch in ferne Länder flog, um Nahrung zu suchen, traf die weibliche Störchin heimlich einen fremden Vogel. Und wenn die Stunde der Rückkehr ihres Mannes nahte, ging sie zum klaren Bach und badete und wusch den Geruch der Bosheit mit dem Wasser ab. Dank dieses schlauen Spiels, das sie jahrelang trieb, gelang es ihr, ihren treuen Mann zu täuschen und unschuldig zu erscheinen. An einem heißen Sommertag kehrte die weibliche Störchin wieder von ihrem heimlichen Treffen zurück und nahm den Weg zum Bach, um zu baden.
Doch an jenem Tag wandte das Glück ihr das Gesicht ab, und das Bett des plätschernden Baches war voller Schlamm und ausgetrocknet. In ihrer Aufregung wusste die weibliche Störchin nicht, was sie tun sollte, und obwohl sie zu den anderen Quellen lief, merkte sie, dass die Zeit abgelaufen war. Als der männliche Storch ins Nest herabschwebte, spürte er sofort den fremden Geruch an seiner Frau und ihre Unruhe und schrie voller Zorn auf. "Du hast dieses heilige Nest verraten und hinter meinem Rücken dunkle Geschäfte getrieben!", rief er. Obwohl die weibliche Störchin mit zitternder Stimme zu flehen versuchte, nützten die Lügen, die sie erzählte, nun nichts mehr. "Ich habe mich nur am Ufer des Baches ausgeruht, ich schwöre, dass ich keine Schuld habe!", sagte sie und versuchte, ihren Mann zu täuschen.
Der männliche Storch, der die Lüge sofort verstand, öffnete seine Flügel dem Wind und rief die Störche aus den vier Ecken des Himmels zu Hilfe. In kurzer Zeit bedeckte ein Schwarm von Störchen den Himmel und versammelte sich um das hohe Dach, um ein Gericht der Gerechtigkeit zu bilden. Der weise Anführer des Schwarms erkannte sofort den Geruch des Verrats und das hinterlistige Verhalten, das die weibliche Störchin zu verbergen versuchte. Alle Vögel verurteilten mit einer einzigen Stimme diesen Verrat, und die Störche stürzten sich mit harten Schnabelhieben auf die weibliche Störchin. Hilflos vor dem scharfen Licht der Wahrheit musste die verräterische Störchin voller Reue von dort fliehen. Sie konnte nie wieder in jenes Nest zurückkehren und war dazu verdammt, ganz allein in der dunklen Kälte der Einsamkeit zu leben. Jede verborgene List kommt eines Tages ans Licht, und von der Ehrlichkeit abzuweichen treibt den Menschen in die Einsamkeit. Lügen haben kurze Beine.