Der Storch und sein Schnabel
Vor langer Zeit lebte neben einem alten Wald mit kühlem Wasser ein stattlicher Storch, der überaus stolz auf sich war. Dieser Storch stand am Ufer des klaren, spiegelgleichen Sees und betrachtete bewundernd seinen langen Schnabel, der wie Silber glänzte. Die geschwätzige Dohle des Waldes aber wedelte jeden Morgen mit ihrem bunten Schwanz zwischen den Büschen und ließ sich neben ihm nieder. Der Storch hielt seinen langen, spitzen Schnabel für den edelsten Schmuck der Vogelwelt und wurde nicht müde, damit zu prahlen. Die beiden hochmütigen Nachbarn stritten den ganzen Tag darüber, wessen Merkmal das überlegenere sei. An einem Herbstmorgen plusterte die Dohle ihr prächtiges Gefieder auf und schwebte mit spöttischer Miene auf den Storch zu.
"Sieh dir die Pracht meines Schwanzes an; dein hässlicher, langer Schnabel ermüdet nur die Augen", sagte sie und lachte laut. Über diese Worte erzürnt, klapperte der Storch stolz mit dem Schnabel und gab ihr sogleich Antwort. "Mein Schnabel ist nicht nur ein Sinnbild der Anmut, sondern zugleich einer großen Kraft", sagte er. Genau in diesem Augenblick stieg aus der Höhlung der mächtigen Platane in der Nähe ein dünner, panischer Schrei auf. Ein kleines Eichhörnchenjunges war in die engen Spalten eines Baumstumpfes gefallen und dort eingeklemmt geblieben. Die Dohle versuchte mit ihrem langen, prächtigen Schwanz zu helfen, doch als sich ihre Federn in den Zweigen verfingen, musste sie zurückweichen.
Ratlos wussten die Vögel nicht, was sie tun sollten, um das vor Angst zappelnde kleine Eichhörnchen zu retten. Ohne das geringste Zögern stürzte der Storch nach vorn und schob seinen speergeraden Schnabel in jenen winzigen Spalt. Mit vollkommener Genauigkeit setzte er den Schnabel ein und zog das Eichhörnchenjunge unversehrt aus seiner Klemme heraus. Als die Dohle die lebensrettende, wundersame Geschicklichkeit jenes langen Schnabels sah, den sie hochmütig verachtet hatte, senkte sie beschämt den Kopf. Der Storch aber begriff in jenem Augenblick endlich, dass Schönheit nicht in leerem Prunk, sondern in nützlicher Tat verborgen liegt. Wahre Überlegenheit liegt nicht in der Anmut des äußeren Scheins, sondern in Barmherzigkeit und Nutzen, die man in schwerer Zeit beweist. Den Baum erkennt man an seinen Früchten, den Menschen an seinem Werk.