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Der Stier und das Kalb

Niveau B2 · 337 Wörter

Der Stier und das Kalb

Es war einmal am Rand eines weiten Bauernhofs, wo kühle Wasser sanft flossen, ein stattlicher Stier. Dieses muskulöse und starke Tier war mit seiner breiten Brust und den spitzen Hörnern der auffälligste Bewohner des Hofes. Eines Tages, als die süße Kühle des Abends hereinbrach, wandten sich die Tiere zur engen Stalltür. Auch der alte und erfahrene Stier kam bis vor die Tür, um in seine eigene enge Box zu gehen. Doch wegen seines großen Körpers blieb er in dem engen Spalt der Tür stecken und hatte Mühe, hineinzukommen. In diesem Augenblick bemerkte ein kleines und unerfahrenes Kalb, das fröhlich umhersprang, die Mühe des Stiers. Das Kalb, das das Zappeln des alten Riesen mit neugierigen Augen ansah, trat sofort zu ihm.

Auf seine Weise wollte es klug sein, das große gehörnte Tier retten und ihm den Weg zeigen. „Mein riesiger Freund, du quälst und würgst dich umsonst“, sagte es mit seiner dünnen Stimme. „Wenn du deine Schulter ein wenig nach links neigst und deine Hinterbeine zurückziehst, passt du leicht hinein.“ Das kleine Kalb lächelte und schwellte stolz die Brust, als hätte es ein großes Geheimnis gelöst. Der starke Stier aber drehte vor diesem ungeduldigen und altklugen Gebaren langsam den Kopf. Er holte tief Luft und musterte das junge Kalb mit seinen eingesunkenen Augen. „Beruhige dich mal, kleiner Wicht“, grollte der alte Stier mit einer selbstsicheren Art.

„Als du noch nicht einmal auf die Welt gekommen warst, ging ich schon hundertmal durch diese engen Türen.“ Nach dieser Antwort wusste das Kalb nicht, was es sagen sollte, und zog sich beschämt zurück. Der starke Stier wartete mit der Erfahrung, die ihm die Jahre eingebracht hatten, den richtigen Augenblick ab und streckte ruhig seinen Körper. Mit einer einzigen Bewegung glitt er durch die enge Tür und erreichte bequem seinen Platz im Stall. Das junge Kalb aber verstand, dass das Leben nicht nur aus Eifer, sondern aus Erlebtem besteht, und zog sich still auf seinen Platz zurück. Ein Rat, der ohne Kenntnis des Wertes der Erfahrung gegeben wird, legt nur den unreifen Fehler dessen bloß, der ihn gibt. Man verkauft dem Kressehändler keine Kresse.