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Der Städter und die zahme Krähe

Niveau C1 · 368 Wörter

Der Städter und die zahme Krähe

Es war einmal in einer großen Stadt mit lauten Straßen und hohen Gebäuden ein vornehmer Mann. Dieser Mann aus der Stadt fand eines Tages in seinem Garten eine liebe und kluge Krähe mit verletztem Flügel und nahm sie mit nach Hause. Er pflegte sie sorgsam, bot ihr frisches Futter in einer goldenen Schale an und zähmte die Krähe bald ganz. Weil er dennoch fürchtete, dass der Vogel fliehen würde, band er eine lange, dünne, aber feste Schnur an ihren zarten Fuß. Obwohl die zahme Krähe ein warmes Nest und reichlich Futter hatte, vermisste sie das endlose Blau des Himmels. Mit den Tagen begann der Wunsch nach Freiheit in der Krähe über die Bequemlichkeit des goldenen Käfigs zu siegen.

Sie sagte zu sich selbst: "All dieses köstliche Essen reicht nicht, um mich glücklich zu machen, mein Platz ist bei den freien Vögeln." Endlich nutzte sie an einem sonnigen Morgen einen Augenblick, in dem der Mann versunken war, und flog rasch aus dem Fenster hinaus. Sie ließ den Lärm der Stadt hinter sich und schlug mit den Flügeln zu dem tiefen, dunkelgrünen Wald, von dem sie sehnsüchtig geträumt hatte. Als der Wind ihre Federn streichelte, stieß sie einen großen Freudenschrei aus und wollte die Freiheit genießen. Während sie zwischen die Zweige einer hohen Eiche glitt, hatte sie die lange Schnur an ihrem Fuß völlig vergessen. Gerade als sie sich zwischen die dichten Blätter setzen wollte, wickelte sich jene Schnur an ihrem Fuß fest um einen dicken Ast.

So sehr der arme Vogel auch flatterte, er schaffte es nicht, den Knoten zu lösen, und blieb in der Luft hängen. Je verzweifelter sie flatterte, desto mehr verwickelte sich das Seil, und die harten Äste taten ihr weh. Jener freie Wald, der in der Sonne glänzte, hatte sich plötzlich für sie in eine Falle ohne Rückkehr verwandelt. Als Hunger und Müdigkeit kamen, erinnerte sich die Krähe mit Reue an das sichere und bequeme Leben, das ihr Besitzer ihr geboten hatte. "Ach, wie unwissend war ich, ich verschmähte meine Ruhe und verlor mein Leben", klagte sie bitter. Leider führte dieser unbedacht getane Schritt sie nicht in die Freiheit, sondern zu einem Ende, das sie mit eigenen Händen bereitet hatte. Den sicheren Frieden in der Hand nur aus Gier nach mehr zu vergeuden, fügt dem Menschen den größten Schaden zu. Wer alles haben will, verliert am Ende alles.