Der Sohn des Löwen und der Mensch
Vor langer Zeit lebte tief in einem dichten Wald, wo kühle Wasser plätscherten, eine prächtige Löwenfamilie. Der junge Sohn des alten Königs brüstete sich mit seinem Hochmut und hielt sich für das stärkste Wesen im Wald. Der alte Vaterlöwe aber ermahnte seinen Sohn stets, sich vor dem Geschöpf namens Mensch zu hüten. Der kleine Löwe belächelte diese Warnungen seines Vaters und glaubte, es gebe auf der Welt kein stärkeres Geschöpf als ihn. Eines Morgens machte er sich schließlich trotz aller Hindernisse seines Vaters auf den Weg, um den Menschen zu finden und seine Kraft zu beweisen. Als er durch das dichte Gestrüpp ging, begegnete er einem müden Pferd, das eine schwere Last auf dem Rücken trug. Stolz brüllend fragte der junge Löwe, warum das Pferd so geduckt dahinging und wem es diente.
Seufzend klagte das Pferd über die unfassbare Schläue und den Druck des Menschen, der es mit Ketten fesselte. Danach traf er auf dem Weg einen riesigen Ochsen, der sich mit einem Ring in der Nase dahinschleppte, und stellte ihm dieselbe Frage. Auch der Ochse erzählte mit tiefer Traurigkeit, dass der Mensch ihn mit seinem scharfen Verstand zum Joch verurteilt habe. Über diese feigen Antworten erzürnt, steigerte der junge Löwe seine Neugier und seinen Zorn auf den Menschen noch mehr. Genau in diesem Augenblick sah er am Rande des Pfades einen schmächtigen Mann, der mit einer Axt in der Hand Holz hackte. Mit einem gewaltigen Gebrüll stellte sich der Löwe vor den Mann und fragte, ob er ihn wohl besiegen könne. Ohne mit der Wimper zu zucken sagte der Mann, seine Kraft sei zu Hause geblieben, doch er könne sie holen, wenn er wolle.
Der schlaue Mann bat den Löwen, vor seinem Weggang den Kopf in einen gespaltenen Baumstamm zu stecken, damit er nicht fortlaufe. Der unerfahrene Löwe, der seiner Kraft zu sehr vertraute, klemmte seinen Kopf ohne Nachzudenken in den Spalt mitten im Stamm. Sogleich zog der Mann die Keile aus dem Stamm heraus und ließ den jungen Löwen eingeklemmt und hilflos zurück. So sehr sich der in die Falle geratene Löwe auch mühte, er begriff, dass rohe Kraft gegen den Verstand nichts nützte. Als der Mann den Löwen, der seine Lektion gelernt hatte, freiließ, kehrte der junge Prinz beschämt zu seinem Vater zurück. Rohe Gewalt ist dazu verurteilt, sich stets vor dem menschlichen Verstand zu beugen. Köpfchen geht vor Muskelkraft.