Der Philosoph, der den König kränkte
Vor langer Zeit lebte in einem fernen östlichen Königreich, wo marmorne Paläste hell glänzten, ein hochmütiger Herrscher. Jede einzelne Ecke des Palastes war mit goldenen Vasen, seidenen Teppichen und mit Diamanten verzierten Leuchtern ausgestattet. Der Herrscher war stolz auf seinen Besitz und konnte nicht einmal den kleinsten Fleck in seinem Palast ertragen. Eines Tages wurde der weiseste, aber ebenso bescheidene Philosoph des Landes in den Palast eingeladen. Der Weise, der in seinen schlichten Kleidern den prächtigen Saal betrat, begann den Prunk um sich herum schweigend zu betrachten. Der König ließ sich stolz auf seinem Thron nieder und zeigte dem Weisen die vergoldeten Säulen und die unbezahlbaren Teppiche. "Sieh, mein weiser Freund", sagte der vor Stolz aufgeblähte Herrscher, "hier findest du nicht ein einziges Staubkorn."
Dann strich er seinen gekämmten dichten Bart glatt und fuhr fort, indem er seine Stimme noch härter machte. "Die kleinste Respektlosigkeit, welche die heilige Sauberkeit meines Palastes stören würde, dulde ich niemals." Genau in diesem Augenblick sah sich der Philosoph, dessen Kehle trocken wurde und der das Bedürfnis zu spucken verspürte, hilflos um. Seine Augen glitten von den seidenen Geweben zu den Wänden aus massivem Gold und von dort zu den mit Diamanten eingelegten Tischen. Alles war so blendend und makellos, dass der Weise nicht wusste, wohin er seine Spucke lassen sollte. Er wusste sehr gut, dass er großes Unrecht täte, wenn er eines dieser unbezahlbaren Werke beschmutzte. Der Philosoph richtete seine Augen schließlich auf das prahlerische Gesicht des Königs und auf seinen langen Bart, der majestätisch schwang.
Plötzlich hustete er und spuckte direkt mitten in den vergoldeten Bart des Herrschers. Der König, verwirrt darüber, was ihm geschehen war, sprang zornig auf und befahl seinen Wächtern, den Weisen in den Kerker zu werfen. Doch der Philosoph lächelte, ohne die Fassung zu verlieren, und begann mit tiefer Würde zu sprechen. "Mein prächtiger Herrscher, jeder Gegenstand in Ihrem Palast ist so sauber und wertvoll, dass ich es nicht übers Herz brachte, einen davon zu beschmutzen." "Der einzige wertlose und schmutzige Ort, den ich zum Spucken finden konnte, war leider Ihr hochmütiger Bart." Der stolze König, der vor dieser klugen Antwort erstarrte, verstummte vor Scham über seinen eigenen Hochmut und senkte den Kopf. Wer vom materiellen Reichtum geblendet ist, kann dem Ertrinken im Schlamm der geistigen Unwissenheit nicht entgehen. An einem niedrigen Ort hält sich ein Hügelchen für einen Berg.