Alle Geschichten

Der Mönchswolf

Niveau C1 · 325 Wörter

Der Mönchswolf

Vor langer Zeit lebte an einem tiefen Wald, in dem kühle Wasser flossen, ein listiger Wolf. Dieser alte Wolf war vom jahrelangen Jagen der Dorfherden und vom ewigen Fliehen müde und entkräftet geworden. Endlich kam ihm eine großartige List in den Sinn, mit der er sich ein müheloses Leben verschaffen konnte. Aus dem Kloster auf dem Hügel stahl er eine alte Mönchskutte, warf sie sich über und nahm die Gestalt eines heiligen Mannes an. Er verkündete, er habe Buße getan, verzichte auf Fleisch und wolle nur noch von Gebeten leben, und glitt zum Dorf hinunter. Die Dorfbewohner und die für ihre Arglosigkeit bekannten Schafe staunten über diese geistliche Wandlung und begannen, dem Wolf zu glauben.

Der Wolf in der Mönchskutte richtete die Augen zum Himmel und tat, als spräche er in Andacht seine Gebete. Eine liebe Schafherde versammelte sich um diesen meisterhaften Schauspieler und lauschte seinen Ratschlägen. Der listige Wolf sagte: "Liebe Brüder, mein Herz ist nun voller Liebe, und ich habe mich eurem Schutz geweiht." Genau in diesem Augenblick erschien im grünen Gras der Wiese ein rundliches und wohlgenährtes Lamm. Während die Abendsonne das weiche Vlies des Lammes glänzen ließ, funkelten die Augen des Wolfes plötzlich vor Gier. Dem Wolf lief das Wasser im Maul zusammen; mit einem Schlag vergaß er die auswendig gelernten Gebete und seufzte tief.

"Seht nur diesen köstlichen Bissen, der mir beim Beten den Sinn verwirrt!", murmelte er unwillkürlich. Der Wolf, der seiner Gier nicht Herr wurde, warf die Kutte von sich und stürzte sich unversehens auf das Lamm. Doch der Hirte und seine treuen Hunde waren gegen diese hinterhältige Falle auf der Hut. Die Hunde bellten heftig, umringten den falschen Mönch und setzten ihm unbarmherzig zu. Der Wolf, der sein Leben nur mit Mühe rettete, musste ohne einen Blick zurück in die dunklen Tiefen des Waldes fliehen. So trat den Dorfbewohnern die Wahrheit vor Augen, dass ein Wechsel der Kleidung den Charakter nicht wechselt. Falsche Frömmigkeit und verhüllte Absichten zeigen bei der ersten Prüfung unweigerlich ihr wahres Gesicht. Der Wolf wechselt sein Fell, aber nie sein Wesen.