Der Milan, der den Falken beneidete
Vor langer Zeit lebte auf der Höhe eines weiten Tales, durch das kühle Wasser flossen, ein kleiner Milan. Dieser Milan hatte große Freude daran, in der tiefblauen Weite des Himmels zu gleiten, und tanzte geradezu mit dem Wind. Doch in seinem Herzen verbarg sich ein tiefer Neid auf einen mächtigen Falken, der auf dem höchsten Felsen des Tales hockte. Jedes Mal, wenn er jenen starken und lauten Schrei des Falken hörte, der die Herzen erzittern ließ, schämte er sich seiner eigenen dünnen Stimme. Schließlich ließ er die Schönheiten beiseite, die ihm seine Natur schenkte, und beschloss, genau wie ein Falke zu schreien. An einem Morgen, als die Sonne eben erst aufgegangen war, setzte er sich auf die steilste Schlucht des Tales und holte tief Luft.
Indem er seine Kehle so sehr anstrengte, wie er nur konnte, begann er jene gewaltige und wilde Stimme des Falken nachzuahmen. Eine erfahrene Krähe, die des Weges kam, hielt an, als sie diese vergebliche Mühe sah, und blinzelte verwundert mit den Augen. Die Krähe fragte in liebevollem Ton: "Warum lässt du deinen eigenen Gesang und eiferst der Stimme eines anderen nach, mein Freund?" Der ehrgeizige Milan aber reckte den Kopf und antwortete: "Ich will einfach kein gewöhnlicher Milan bleiben." Der kleine Milan, der auf die freundlichen Warnungen der Krähe nicht hörte, schrie wochenlang unablässig, als wollte er sich die Kehle zerreißen. Mit den Tagen wurde seine Stimme dünn und heiser, und sein Atem stockte bei jedem Versuch immer mehr.
Dennoch gab er nicht auf und beharrte darauf, jenen fremden Ton zu treffen, weil er sich für einen Falken hielt. Endlich, an einem Abend, als sein eigener Schwarm am Himmel erschien, wollte er ihm fröhlich zurufen. Doch als er den Schnabel öffnete, kam weder jener laute Schrei des Falken heraus noch seine eigene alte und echte Melodie. Wegen seiner Stimme, die von der übermäßigen Anstrengung zerstört war, drang aus seiner Kehle nur ein jämmerliches Knurren. Während er versuchte, ein anderer zu sein, hatte er auch jene schöne eigene Stimme, die ihm die Natur geschenkt hatte, völlig verloren. Während sein Schwarm sich entfernte, ohne zu verstehen, was er sagte, blieb der Milan ganz allein und hilflos auf dem Felsen zurück. Wer sein eigenes Wesen vergisst und einem anderen zu gleichen versucht, verliert auch das, was er hat. Schuster, bleib bei deinen Leisten.