Der Löwe und der Hirte
Vor langer Zeit lebte am Rand eines alten Waldes, durch den kühle Wasser flossen, ein fröhlicher Hirte. Jeden Morgen ließ dieser junge Hirte seine Schafe auf den saftig grünen Wiesen weiden und spielte vergnügt auf seiner silbernen Flöte. Doch an einem heißen Mittag, als die Sonne steil vom Himmel brannte, bemerkte er, dass sein fettestes Lamm verschwunden war. Obwohl er jeden Winkel des Tales durchsuchte, fand er nicht die geringste Spur von seinem lieben Lamm. Der verzweifelte Mann gab ein süßes Versprechen: Wenn er den Dieb fände, würde er dem Schutzgeist des Waldes ein Opfer darbringen. Um sein Schaf zu suchen, ging der Hirte weiter in das tiefe Tal mit den riesigen Felsen und den dichten Büschen.
Während der kühle Wind die Blätter der Bäume flüstern ließ, stiegen seltsame Geräusche vor einer dunklen Höhle auf. Von seiner Neugier besiegt, hielt der junge Mann den Atem an und blickte leise zwischen den Büschen hindurch nach innen. Genau in diesem Augenblick stand er unmittelbar vor einem gewaltigen Löwen mit goldener Mähne. Der prächtige Löwe war damit beschäftigt, das leckere Lamm des Hirten mit Genuss zu verspeisen. Plötzlich hob das wilde Tier den Kopf und richtete seine scharfen, glänzenden Augen direkt auf den Hirten. Der arme Hirte war voller Entsetzen; seine Knie wurden vor Angst weich und seine Hände begannen zu zittern.
"Hätte ich diesen Dieb doch nicht so eilig gesucht", dachte er voller Reue. Als das mächtige Brüllen des Löwen in allen Bergen widerhallte, wusste der Hirte überhaupt nicht mehr, was er tun sollte. Der Mann dachte an nichts anderes als an die Rettung seines Lebens und öffnete seine zitternden Hände zum Himmel. "Bitte rette mich vor diesem schrecklichen Ungeheuer, und ich werde dir ein doppelt so großes Opfer darbringen", flehte er. Der weise Löwe, dessen Bauch schon satt war, zog sich langsam in die Tiefen des Waldes zurück, ohne dem Hirten zu schaden. Der junge Hirte aber, der dem Tod entkommen war, atmete erleichtert auf und lief sofort in sein Dorf. Der Mensch muss manchmal sehr genau darauf achten, was er sich von Herzen wünscht. Iss einen großen Bissen, aber sprich kein großes Wort.