Alle Geschichten

Der König und der Dichter

Niveau B2 · 386 Wörter

Der König und der Dichter

Es war einmal in der prächtigen Stadt Athen am Rand eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen, ein weiser Dichter. Dieser feine Mensch namens Menander hatte mit den bezaubernden Theaterstücken, die er schrieb, und mit seinem feinen Witz einen Thron im Herzen des Volkes errichtet. Eines Tages zog der mächtige König Demetrius, der Eroberer der Nachbarländer, mit seinem Heer in diese alte Stadt ein. Der König mit dem harten Gemüt erwartete, dass sich alle vor ihm beugten und ihm aufgeregt entgegenkamen. Auf dem Platz der Stadt hatte sich eine große Menge versammelt und begann, die Majestät des Königs mit besorgten Augen zu grüßen. Menander aber, der durch die Menge glitt, kam in seidenen Gewändern und mit dem Duft von Lavendel, der sich ringsum verbreitete, langsam näher. Die überaus gelassenen und feinen Manieren des Dichters zogen sofort die Aufmerksamkeit des stolzen Königs auf sich, der auf seinem Thron saß.

König Demetrius musterte diesen zart aussehenden Mann und schrie die Wächter neben sich zornig an. „Wer ist dieser hochmütige Mann, der bis vor mich tritt und so sicher seiner selbst dasteht?“ Die Wächter sagten mit zitternder Stimme, dass er der größte und beliebteste Dichter der Stadt sei. Ohne auf die finsteren Brauen des Königs zu achten, lächelte Menander ruhig und verneigte sich achtungsvoll vor dem Thron. Mit einem süßen Tonfall sagte er: „Mein erhabener König, ich danke Euch, dass Ihr unserer Stadt Frieden und Ordnung gebracht habt.“ Die Worte, die aus dem Mund des Dichters flossen, waren so flüssig und voller Sinn, dass alle auf dem Platz in ein tiefes Schweigen fielen. Seine dichterische Rede besänftigte die harten Zornwinde im Herzen des Königs auf einen Schlag.

Je mehr Demetrius dem klaren Verstand und der eindrucksvollen Rede des Dichters zuhörte, desto größere Bewunderung empfand er für ihn. Er bemerkte, dass hinter dem äußeren Aussehen und den geschmückten Kleidern eine echte Begabung und eine tiefe Weisheit lagen. Die Augen des Königs, die so hart geblickt hatten, wurden weich; er stand von seinem Thron auf und drückte freundschaftlich die Hand des Dichters. Von jenem Tag an fragte der König in Fragen der Regierung und der Kunst der Stadt immer nach den Gedanken des weisen Dichters. So brachte die Freundschaft von Macht und Kunst den Straßen der Stadt viele Jahre lang Frieden und Glück. Nicht die Kleider, sondern der Verstand und das schöne Verhalten, das die Menschen zeigen, bestimmen ihren wahren Wert. Den Menschen empfängt man nach seiner Kleidung und ehrt ihn nach seinem Wissen.