Der Junge und der Dieb
Vor langer Zeit lag neben einem alten Wald mit kühlem Wasser ein tiefer, tiefer Steinbrunnen. Während das goldgelbe Licht der Sonne durch die Blätter fiel, weinte am Brunnen ein Kind bitterlich. Die Tränen des Kindes liefen über seine Wangen und tropften auf die bemoosten Steine am Brunnenrand. Da hörte ein listiger Dieb, der gerade des Weges kam, dieses Weinen und lenkte seine Schritte dorthin. Der Dieb schlich hinter die Büsche und beobachtete die hilflose Lage des Kindes eine Weile mit hinterhältigen Augen. Der habgierige Mann trat zu dem unschuldig wirkenden Kind und fragte mit rauer Stimme, warum es weine. Zwischen Schluchzern begann das kleine Kind: "Was soll ich denn anderes tun als weinen, Onkel?"
"Ich habe die goldene Kanne, den einzigen Schatz meiner Familie, in den Brunnen fallen lassen; wie soll ich jetzt heimkehren?", sagte es. Bei den Worten "goldene Kanne" funkelten die Augen des Diebes vor Gier, und eine große Begierde erfüllte ihn. Er dachte bei sich, er könne dieses arme Kind täuschen und sich das Gold mühelos aneignen. Er setzte ein wohltätiges Lächeln auf und sagte: "Weine nicht, mein Kind, ich helfe dir." Ohne Zeit zu verlieren, zog der Dieb seinen schweren Mantel aus kostbarem Stoff und seine Kleider aus. Nachdem er seine Kleider sorgfältig an den Brunnenrand gelegt hatte, griff er nach der seilumwickelten Rolle. Vor lauter Verlangen, die goldene Kanne zu finden, sah sein Auge nichts mehr, und er stieg ungeduldig in den dunklen Brunnen hinab.
Als der Dieb den Grund erreichte, suchte er im eiskalten Wasser aufgeregt nach der kostbaren Kanne. Doch auf dem Grund des Brunnens war nichts als Schlamm und wertlose Kieselsteine. Unterdessen raffte das kluge Kind rasch die teuren Kleider zusammen, die der Dieb am Brunnenrand gelassen hatte. Der Dieb hörte das Rascheln von oben und begriff, dass er getäuscht worden war, doch es war längst zu spät. Das kluge Kind nahm die Kleider in die Arme und verschwand mit schnellen Schritten in der Tiefe des Waldes. Der listige Dieb aber blieb mutterseelenallein auf dem Grund des kalten Brunnens, mit der Reue über seinen Fehler. Wer anderen eine Falle stellt, kann dem Sturz in die selbst gegrabene Grube niemals entgehen. Der Jäger wird oft zur Beute.