Der Jäger und der Bauer
Es war einmal am Rande eines dichten Waldes jenseits der grünen Täler ein altgedienter Bauer, der seinen Boden treu bestellte. Dieser fleißige Mann ging mit dem ersten Licht des Morgens auf sein Feld, führte mit seinen schwieligen Händen den Pflug und gewann sein Brot aus der Erde. Eines Tages kam ein stolzer Jäger am Rand des Feldes vorbei, mit einer silberverzierten Flinte auf der Schulter und einem scharfen Messer am Gürtel. Der Jäger behauptete, der tapferste Bursche der Stadt zu sein, und erzählte prahlerisch, dass er sogar die wildesten Bestien des Waldes in die Knie gezwungen habe. Auch an jenem Tag reckte er die Brust und warf großspurige Blicke um sich, als suchte er die Spuren einer gewaltigen Beute. Der Bauer am Pflug wischte sich den Schweiß von der Stirn, hielt inne und musterte diesen hochmütigen Fremden. Der Jäger lenkte seine Schritte zum Bauern und begann in stolzem Ton zu sprechen.
"He, alter Bauersmann, hast du hier in der Gegend je die frischen Fußspuren eines mächtigen Löwen gefunden?", fragte er. Der Bauer betrachtete mit ruhigen Augen die prächtige Ausrüstung, mit der der Jäger von Kopf bis Fuß gerüstet war. "Du brauchst deine Zeit gar nicht mit dem Suchen von Spuren zu verlieren, tapferer Mann", sagte er lächelnd. "Ich kann dir gleich jetzt nicht nur seine Spuren zeigen, sondern jenen erhabenen Löwen selbst." "Er ruht ein wenig weiter vorn hinter dem Gebüsch, im Schatten einer mächtigen Platane." Bei dieser selbstsicheren und aufrichtigen Antwort des Bauern wurde der Jäger plötzlich blass. Dem Jäger versagten die Knie, er verlor mit einem Schlag seine eben noch stolze Haltung und wich zurück.
Mit zitternden Lippen begann er sofort zu stammeln und sich zu verteidigen. "Ach, mein Freund, ich habe dich doch nicht gebeten, mir den Löwen selbst zu zeigen!", rief er voller Angst. "Was ich suchte, waren nur die schwachen Spuren der wilden Bestie im Boden, wie ein Schatten, nicht sie selbst!" Der Jäger hielt seine Flinte mühsam auf dem Rücken und begann wütend zu dem Pfad zu fliehen, auf dem er gekommen war. Der Bauer aber blickte dem fliehenden Jäger mitleidig nach und fuhr fort, seinen Pflug zu führen. Wieder einmal begriff er, wie sich falscher Mut im Augenblick der Gefahr in Feigheit verwandelt. Wahrer Mut liegt nicht im Prahlen mit Worten, sondern in der Entschlossenheit des Augenblicks, in dem du der Gefahr begegnest. Taten sagen mehr als Worte.