Alle Geschichten

Der im Stall aufgewachsene Bauer

Niveau C1 · 366 Wörter

Der im Stall aufgewachsene Bauer

Vor langer Zeit gab es am Rand eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen, fern von den Dorfbewohnern einen kleinen Stall. In diesem Stall lebte ein junger Bursche namens Yağız, der nichts von der Welt wusste und klug, aber grob und ungeschliffen aufgewachsen war. Weil er sein Leben nur damit verbrachte, die Kühe zu melken und Heu zu tragen, war er den Sitten des Palastes völlig fern. Eines Tages beschloss der neugierige Herrscher des Landes, diesen seltsamen Dorfbewohner in seinen Palast einzuladen und ihn zu prüfen. Der König wollte sehen, wie sich dieser Jüngling ohne Feinheit unter den Adligen verhalten würde. Als Yağız den großen vergoldeten Saal betrat, blickte er staunend auf die prunkvollen Kronleuchter und die geschmückten Gewänder.

Als man ihn an die prächtige Festtafel setzte, schob er die silbernen Gabeln und Messer beiseite und begann, das Essen mit den Händen zu essen. Die Angehörigen des Hofes lachten angesichts dieses groben Benehmens heimlich untereinander und blickten auf ihn herab. Der König fragte lächelnd: "Sag einmal, junger Mann, wie hast du unseren Palast gefunden?" Yağız zögerte mit seiner Antwort nicht: "Mein Herrscher, Eure Decke ist sehr hoch, aber der Geruch des Heus in meinem Stall ist aufrichtiger als dieser Ort." Dann zeigte er auf den teuren Porzellanteller auf dem Tisch und sagte: "Dieses Gefäß ist geschmückt, aber es hält keine Milch." Der Wesir mischte sich zornig ein: "Werft diesen ungehobelten Mann, der die Regeln des Palastes nicht kennt, sofort hinaus!"

Doch Yağız reichte dem König, ohne im Geringsten die Ruhe zu verlieren, den frischen Topfkäse, den er aus seiner Tasche holte. Als der König ein Stück von dem schlichten, aber köstlichen Käse kostete, den ihm der Jüngling reichte, entstand eine tiefe Stille. Neben dem künstlichen Schmuck des Palastes hatte dieser reine Geschmack den Herrscher an die wahre Mühe des Volkes erinnert. Der Herrscher wandte sich an die prunkvollen Höflinge und lobte die Ehrlichkeit und die Einfachheit des jungen Dorfbewohners. Yağız aber lehnte die pompösen Titel des Palastes ab und zog es vor, in seinen Stall zurückzukehren, wo er Frieden fand. So begriff der König, dass die wahre Tugend nicht im äußeren Schein liegt, sondern in der Aufrichtigkeit im Inneren des Menschen. Prunk, der fern von Aufrichtigkeit ist, kann niemals den Frieden geben, den eine reine Schlichtheit schenkt. Ein goldenes Becken nützt dem nichts, der Blut spuckt.