Der Hund, der Wolf und der Widder
Vor langer Zeit lebten am Rand eines alten Waldes, wo kühle Wasser sanft flossen, ein treuer Hund und ein mutiger Widder. Diese beiden Freunde, die jahrelang Seite an Seite auf demselben Hof gearbeitet hatten, wurden im Alter von ihren Besitzern ihrem Schicksal überlassen. Die beiden Gefährten machten sich gemeinsam auf den Weg und begannen, über Pfade zu wandern, die der Wind umflüsterte, um einen friedlichen Unterschlupf zu suchen. Als die Sonne unterging, wurden die Schatten länger, und die goldenen Ähren neigten sich der Nacht entgegen. Die beiden alten Freunde zogen sich an den Fuß einer Felswand zurück, um zu rasten, wo hungrige Raubtiere umherstreiften. Genau in diesem Augenblick tauchte aus dem Gebüsch ein riesiger Wolf auf, dessen Augen vor Gier funkelten und dessen Bauch knurrte. Dem Wolf lief das Wasser im Munde zusammen, und er sah in diesem geschwächten Widder einen leichten Bissen.
Mit drohender Miene trat der Wolf hervor und murmelte: "Ich hätte nie erwartet, in dieser einsamen Gegend ein so köstliches Abendessen zu finden." Der treue Hund nutzte sogleich seinen Verstand und flüsterte dem Widder ins Ohr: "Lass dir nichts anmerken, halte den Kopf hoch und tu, was ich sage." Danach brüllte der Hund den Widder laut an, als wäre er ein Herr. "He, mein Freund, bring den riesigen Wolfskopf, den wir aus dem Sack geholt haben, damit wir unseren Hunger stillen!" Der Widder begriff den Ernst der Lage und antwortete stolz, indem er seine mächtigen Hörner schüttelte. "Welchen Wolfskopf willst du, mein Freund; den großen, den wir gestern erlegt haben, oder den von letzter Woche?" Der Hund brüstete sich und sagte: "Bring den größten und den frischesten, heute Nacht müssen unsere Bäuche richtig satt werden."
Als der Wolf diese schrecklichen Worte hörte, wurden ihm die Knie weich und sein Fell sträubte sich. Der arme Wolf, der glaubte, vor ihm stünden gefährliche Geschöpfe, die Wölfe jagten, begann Todesängste auszustehen. "Ich muss sofort von hier fliehen, bevor sie mich neben jene Köpfe in dem Sack legen", dachte er bei sich. Als der Widder so tat, als griffe er nach dem Sack, und seine Hörner gegen den Wolf schüttelte, stürzte der Wolf in den Wald, ohne sich auch nur umzusehen. Die beiden klugen Freunde entkamen dank ihrer List einer sicheren Gefahr und atmeten tief durch. Die ganze Nacht hindurch drängten sie sich aneinander und warteten in Sicherheit auf das erste Licht des Morgens. Kluge Solidarität und Mut, die man in schweren Zeiten zeigt, genügen, um selbst die schrecklichsten Bedrohungen abzuwenden. Gemeinsam sind wir stark.