Der Hirsch und die Ochsen
Es war einmal ein riesiger Stall auf einem reichen Hof, den dichte Wälder umfingen. In diesem Stall lebten in Frieden gesetzte und sanfte Ochsen, die den ganzen Tag den Pflug zogen. An einem warmen Herbstabend stürmte ein müder Hirsch, der vor den Hunden der Jäger floh, aus dem Wald. In seiner Not sprang er über die Zäune und warf sich in den dunklen Stall, in dem die Ochsen standen. Vor Furcht zitternd, versuchte der Hirsch sich zu verstecken, indem er sich tief in die Strohhaufen drückte. Ein alter Ochse, der die Ratlosigkeit des Hirsches sah, wandte langsam den Kopf zu ihm. "Indem du dich hier versteckst, hast du dich in große Gefahr gebracht, mein armer Freund", sagte er mit leiser Stimme.
Keuchend flehte der Hirsch: "Bitte beschützt mich, ich gehe sofort, wenn es dunkel wird." Am späten Nachmittag kamen die Hofarbeiter in den Stall und verteilten schnell das Futter der Ochsen. Die müden Arbeiter bemerkten den Hirsch in der dunklen Ecke gar nicht, weil sie es eilig hatten. Der Hirsch glaubte gerettet zu sein, holte tief Luft und dankte den Ochsen voll Dankbarkeit. Doch der alte Ochse schüttelte traurig den Kopf und warnte den Hirsch noch einmal. "Die Knechte sind unachtsam, aber die eigentliche Gefahr ist noch nicht gekommen", sagte er flüsternd. "Der Herr des Hofes sieht alles, keine Einzelheit entgeht seinem Auge."
Gegen Mitternacht öffnete sich die schwere Tür des Stalls mit einem Knarren, und der Herr des Hofes trat ein. Der Herr, der jeden Winkel sorgfältig prüfte, sah zuerst die Krippen und dann die Strohhaufen durch. Sofort bemerkte er das spitze Geweih des Hirsches, das zwischen dem Stroh hervorragte. Der Herr rief sogleich seine Knechte und ließ den versteckten Hirsch mühelos fangen. Der arme Hirsch, dem kein Fluchtweg mehr blieb, zahlte einen schweren Preis für seine Unvorsichtigkeit. Dem Auge dessen, der auf seine Arbeit und sein Gut achtgibt, entgeht keine verborgene Wahrheit. Das Auge des Herrn macht das Pferd fett.