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Der heilige Vogel

Niveau C1 · 413 Wörter

Der heilige Vogel

Vor langer Zeit lebte am Rand eines alten Waldes, wo die kühlen Wasser mit Melodien dahinflossen, ein winziger Vogel von unerträglichem Dünkel, den man den Heiligen Vogel nannte. Dieses liebenswerte Geschöpf behauptete bei jeder Gelegenheit, ohne auf seine dünnen Beinchen zu achten, dass es den Himmel ganz allein tragen könne, und prahlte vor allen ringsumher. Die weisen Tiere des Waldes begegneten diesen kindischen Prahlereien mit einem Lächeln, entfernten sich aber aus Höflichkeit rasch von ihm. Wenn er zwischen den saftig grünen Blättern hockte, hob er überaus gern die Beine in die Luft, blähte die Brust auf und sang voller Selbstgefälligkeit. Den ganzen Tag erzählte er den anderen Vögeln, dass das blaue Himmelsgewölbe ohne ihn dem Erdboden gleichgemacht würde. An einem Herbstmorgen, als der alte Bär und der schlaue Fuchs unter einer mächtigen Eiche ruhten, betrat unser winziger Vogel erneut die Bühne. Er legte sich auf einem niedrigen Ast des Baumes auf den Rücken, streckte seine dünnen Beine in die Luft und begann stolz zu rufen.

„Ihr Volk des Waldes, schaut her und lernt von meiner edlen Haltung!“, prahlte er mit lauter Stimme. „Wenn ich diese kräftigen Beine nicht in die Luft höbe, stürzte der Himmel auf eure Köpfe und ihr alle würdet zermalmt.“ Der alte Bär schüttelte den Kopf und sagte: „Mein lieber kleiner Freund, deine zarten Beine tragen kaum eine einzige Eichel.“ Der Heilige Vogel wurde über diese Worte sehr zornig und widersprach, indem er seinen Schnabel gen Himmel reckte. „Wenn ihr mir nicht glaubt, so wartet nur; wenn der Donner rollt, werdet ihr mit eigenen Augen sehen, wie ich die Welt rette!“, schrie er. Der schlaue Fuchs kniff die Augen zusammen, blickte den winzigen Vogel an und lächelte in seinen Bart. Genau in diesem Augenblick wehte ein leichter Wind, und vom oberen Ast begann ein vergilbtes, trockenes Blatt herabzuschweben.

Das Blatt berührte sanft die empfindliche Brust des Heiligen Vogels und fiel zu Boden. Der winzige Vogel, der glaubte, der Himmel sei auf ihn herabgestürzt, stieß vor lauter Angst einen schrillen Schrei aus. Der Vogel sprang von der Stelle auf, an der er auf dem Rücken lag, vergaß seine Beine und flüchtete in Todesangst in eine nahe Burg aus Gestrüpp. Als alle Tiere des Waldes dieses komische Schauspiel sahen, packte sie ein fröhlicher Sturm des Gelächters. Der Heilige Vogel, der behauptet hatte, den Himmel mit seinen Beinen zu halten, senkte beschämt den Kopf, als er begriff, dass er sogar vor einem winzigen Blatt geflohen war. Der Mut derer, die große Worte führen, ist meist dazu verdammt, schon beim ersten kleinen Wind fortgeweht zu werden. Iss einen großen Bissen, aber sprich kein großes Wort.