Der Hahn und der Falke
Es war einmal, am Rande eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen, ein riesiger Bauernhof. Auf diesem Hof lebten ein kluger Hahn mit schimmerndem Gefieder und ein stolzer Falke, der über den hohen Felsen der Berge schwebte. Jeden Morgen fraß der Hahn die frischesten Weizenkörner aus der Handfläche des Bauern und ruhte friedlich in seinem sicheren Stall. Der Falke dagegen schlug mit den Flügeln in den freien Wassern des Himmels und beobachtete mit seinen scharfen Augen aufmerksam jede Bewegung im Tal. Eines Tages glitt der stolze Falke mit seinen breiten Flügeln herab und setzte sich lautlos auf den hölzernen Zaun des Hofes. Seit langem wunderte sich der Falke über das aufgeregte Verhalten des Hahns, der floh, sobald er die Hand seines Herrn sah. Von seiner Neugier überwältigt, neigte der Falke den Kopf zur Seite und blickte vorwurfsvoll von oben auf den Hahn herab.
"Ihr Hähne seid so undankbare und feige Geschöpfe", begann er mit seiner lauten Stimme zu sprechen. "Die Menschen füttern euch jeden Tag mit ihren Händen, bauen euch warme Ställe und schützen euch sorgfältig vor jeder Gefahr." "Und trotzdem stiebt ihr schreiend und jammernd in alle Ecken davon, sobald sie sich euch nähern." "Sieh mich an: Ich bin der wilde Vogel der Berge, doch sobald ein Mensch mich ruft, setze ich mich stolz auf seinen Arm." Der kluge Hahn hörte sich die lauten und selbstsicheren Worte des Falken ruhig bis zum Ende an. Er plusterte seine Brust auf, sah den Falken an und antwortete mit einem tiefen Seufzer. "Mein lieber Freund, in deinen Augen mag unsere Flucht wie Undankbarkeit aussehen, doch die Wahrheit ist ganz anders."
Der Hahn wandte seine Augen dem Rauch zu, der aus der großen Küche hinter dem Hof aufstieg. "Hast du je einen Falken gesehen, der aufgespießt und über dem Feuer gebraten wurde?", fragte er. Der Falke schüttelte verwundert den Kopf und erklärte, dass er zuvor nie einen solchen Anblick gesehen habe. Mit einem bitteren Lächeln sagte der Hahn: "Wir Hähne aber sehen jeden Tag, wie unsere Verwandten im Ofen garen." "Unsere Flucht kommt nicht aus Undankbarkeit, sondern aus einer berechtigten Vorsicht, die uns bittere Erfahrungen gebracht haben." Der stolze Falke, der vor dieser Wahrheit nicht wusste, was er sagen sollte, hüllte sich beschämt in Schweigen und flog zum Himmel empor. Bevor man das Verhalten anderer Geschöpfe verurteilt, muss man die verborgenen Gefahren und Schmerzen verstehen, die sie erlebt haben. Gebranntes Kind scheut das Feuer.