Der großzügige Fuchs und der Wolf
Es war einmal, in den Tiefen eines uralten Waldes, der sich im Schatten dichter Hainbuchen erstreckte, da lebten ein Fuchs und ein Wolf. Der scheckige Fuchs, der für seine Schlauheit bekannt war, wusste sehr gut, wie er mit seiner süßen Zunge jedes Hindernis überwand, sooft er in Bedrängnis geriet. Der gierige und grobe Wolf des Waldes aber jagte seiner Beute nicht mit Verstand, sondern allein mit roher Gewalt nach. An einem kühlen Herbstmorgen, an dem der Wind die Blätter mit einem Flüstern tanzen ließ, kreuzten sich die Wege dieser beiden uralten Nachbarn in einem tiefen Tal. Der hungrige Wolf rieb sich verwundert die Augen, als er die fetten und gebratenen Fleischstücke vor dem Fuchs sah. Als der Fuchs den mächtigen Schatten des Wolfes sah, der sich näherte, lächelte er mit großer Höflichkeit, ohne im Geringsten die Fassung zu verlieren.
Er bot an: "Sei willkommen, mein teurer Freund, willst du dich nicht auch an diesem herrlichen Festmahl bedienen?" Der erstaunte Wolf knurrte: "Willst du wirklich so viele köstliche Bissen ohne jeden Grund mit mir teilen?" Der Fuchs reckte die Brust und antwortete: "Ich bin ein großzügiger und hochherziger Wohltäter, der das Teilen liebt." Der Wolf machte sich mit großem Appetit über die Tafel her und verschlang die dargebotenen köstlichen Fleischstücke beinahe in einem einzigen Atemzug. Genau in diesem Augenblick erhoben sich aus dem Gebüsch das Getöse und die Schritte zorniger Jäger mit Knüppeln in den Händen. Der Fuchs hatte nämlich heimlich den Proviantbeutel der Dorfbewohner gestohlen und versuchte aus Angst, gefangen zu werden, seine Schuld zu vertuschen.
Während der schlaue Fuchs sich zwischen den Büschen duckte, umringten die Jäger plötzlich den Wolf, der das Fleisch mit Genuss aß. Der arme Wolf, der nicht begriff, wie ihm geschah, bekam seinen Teil von den Knüppeln der Jäger ab und konnte nur mit Mühe von dort entkommen. Der Wolf, der sein Leben mit knapper Not gerettet hatte, stieg außer Atem den Hügel hinauf und erreichte die Baumhöhlung, in der sich der Fuchs versteckt hatte. Er schrie voller Zorn: "Du hast mich ins Feuer geworfen, jenes Essen war ja gar nicht deines!" Der Fuchs aber lächelte unverschämt und sagte: "Ich habe es dir doch angeboten; wirft es denn einen Schatten auf meine Großzügigkeit, wem das Gut gehörte?" Der Wolf begriff, dass er sich unter der Maske der Wohltätigkeit des Schlauen selbst verbrannt hatte, und glaubte keinem seiner Worte mehr. Großzügigkeit mit dem Gut eines anderen ist keine Freundschaft, sondern nur ein Betrug. Aus fremdem Beutel gibt es keine Großzügigkeit.