Der Geier und der Adler
Es war einmal auf den nebligen Felsen über den hohen Bergen ein stolzer Geier und ein majestätischer Adler. Auf diesem Gipfel, wo die rauen Winde heulten, prahlte der Geier sehr gern mit seinen überlegenen Fähigkeiten. Der Adler dagegen lauschte mit würdevoller Haltung dem Wind und beobachtete ruhig das geheimnisvolle Gleichgewicht der Natur. Bei jeder Gelegenheit breitete der Geier seine Flügel weit aus, schwellte seine Brust und lobte voller Stolz seine scharfen Augen als Herr des Himmels. Diese beiden gewaltigen Vögel kamen an die Schwelle eines tiefen Gesprächs, während das Rot des Sonnenuntergangs die Täler bedeckte. Der Geier warf einen herausfordernden Blick in die Tiefen des Tals und begann, vor dem neben ihm stehenden Adler anzugeben. "Kein anderes Wesen in diesen Landen hat je einen so scharfen Blick besessen wie meine Augen", sagte er.
Der Adler wandte langsam den Kopf und antwortete: "Wahres Sehen heißt nicht nur, die Ferne zu erkennen, sondern die Gefahr zu spüren." Der Geier überhörte diese weisen Worte, stieß ein spöttisches Gelächter aus und deutete nach unten. "Siehst du dort unten das haselnussgroße Stück Fleisch, das zwischen den dichten Büschen liegt?", fragte er. Der Adler kniff die Augen zusammen, blickte ins Tal und bemerkte sogleich die verdächtigen Spuren rings um das Fleisch. "Ich sehe dieses Fleisch, doch ich rieche auch die Falle des Jägers, die ringsum verborgen ist", sagte der Adler. Der Geier hielt diese kostbare Warnung für eine Feigheit des Adlers und beschloss, sofort zu handeln. "Während du wegen deiner Mutlosigkeit vor Hunger stirbst, werde ich diesen köstlichen Bissen genießen!", rief er.
Dann schlug er mit seinen gewaltigen Flügeln und stürzte sich gierig in einen steilen Sturzflug zum Grund des Tals. Der Geier, dessen Augen nichts als Gier sahen, näherte sich mit großer Schnelligkeit seinem Ziel. In dem Augenblick, als er seine Krallen in das Stück Fleisch schlug, schnappte die im Gras verborgene stählerne Falle heftig zu. Mit den Beinen in der Falle eingeklemmt, begann der Geier hilflos zu zappeln und stieß bittere Schreie aus. Der am Himmel schwebende Adler ließ sich mit einem Gleitflug, in dem Trauer und Mahnung sich mischten, am Hang neben der Falle nieder. "Den kleinsten Bissen hast du meilenweit entfernt gesehen, doch das Verderben unter deinen Füßen hast du nicht bemerkt", sagte der Adler. Der hochmütige Geier bezahlte den Preis seiner vor Hochmut erblindeten Augen, indem er seine Freiheit gänzlich verlor. Wer seiner Gier erliegt und mit seiner Begabung prahlt, erblindet so sehr, dass er die größten Gefahren vor seinen Augen nicht sieht. Wer durch eigene Schuld fällt, weint nicht.