Der Fuchs und die Taube
Es war einmal, am Rande eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen, da ragte eine stattliche Platane empor. Auf dem höchsten Ast dieses erhabenen Baumes hatte eine zierliche Taube mit silbernen Flügeln liebevoll ihr Nest gebaut. In der süßen Kühle des Abends zitterte sie über ihren Eiern und flüsterte Wiegenlieder, die dem Wald Frieden schenkten. Doch zwischen den verborgenen Büschen strich ein scheckiger Fuchs umher, der für seine Schlauheit berühmt war. Der Fuchs hatte ein Auge auf das Nest der Taube geworfen und begann, einen heimtückischen Plan zu schmieden. Am nächsten Morgen kam der Fuchs unter die Platane, reckte den Kopf und rief mit harter und furchterregender Stimme. "O Taube, wenn du nicht sogleich eines deiner Eier herabwirfst, werde ich diese Platane mit meiner scharfen Axt an der Wurzel fällen!"
Die hilflose Taube, der vor Angst die Flügel zitterten, glaubte dieser Lüge des Fuchses und musste sich hoffnungslos beugen. In jenem Augenblick ließ sich ein weiser Storch, der zwischen den silbernen Wolken herabschwebte, neben der bekümmerten Taube nieder. "Der Fuchs hat weder eine Axt noch Flügel, um zum Himmel zu fliegen", sagte er und machte der Taube Mut. Die Taube, der die Angst die Augen geblendet hatte, begriff durch diese weisen Worte ihres Freundes plötzlich die Wahrheit. Als der Fuchs am nächsten Tag wiederkam und dieselben Drohungen ausstieß, stand die Taube diesmal aufrecht da. "Deine leeren Drohungen habe ich satt, du kannst weder den Baum fällen noch hier heraufklettern!", sagte sie. Der Fuchs, der begriff, dass sein Plan gescheitert war, schäumte vor Wut und fragte, von wem sie diesen Gedanken habe.
Als die Taube arglos den Namen des weisen Storches nannte, lief der Fuchs voller Rachgier zum Flussufer. Als der Fuchs den Storch erblickte, der zwischen dem Schilf auf einem Bein ruhte, näherte er sich ihm mit süßen Worten. "Zeigst du auch mir, wie du deinen Kopf verbirgst, wenn der Wind weht?", sagte er und wollte ihn plötzlich packen. Doch der kluge Storch, der die Absicht des Fuchses ahnte, schlug genau in jenem Augenblick mit den Flügeln zum Himmel. Der schlaue Fuchs wusste vor Ärger nicht, was er tun sollte, und verschwand zwischen den Büschen. Wer sich der Angst nicht ergibt, sondern beim Licht der Wahrheit Zuflucht sucht, vereitelt jede hinterlistige Falle. Lügen haben kurze Beine.