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Der Fuchs und der Wolf im Brunnen

Niveau C1 · 372 Wörter

Der Fuchs und der Wolf im Brunnen

Vor langer Zeit lebte tief in einem dichten Wald, in dem kühle Wasser flüsterten, der Schlaue Fuchs. In der pechschwarzen Nacht suchte der Fuchs sein Auskommen und stürzte aus Unachtsamkeit in den alten Steinbrunnen der Stadt. Im klaren Wasser auf dem feuchten Grund des Brunnens hielt er das schimmernde Spiegelbild des Vollmonds für einen blendenden, riesigen Käselaib. Doch als er diese süße Täuschung durchschaute, begriff er betrübt, dass er die hohen Steinwände niemals erklimmen konnte. Zum Glück schwankten an den Enden der Seile, die um die Winde über der Brunnenöffnung gewickelt waren, zwei hölzerne Eimer im Gleichgewicht. Mit dem ersten Licht des Morgens trat ein argloser Wolf, der im Wald seinen Hunger stillen wollte, an den Rand des Brunnens.

"Was machst du da unten, mein Freund?", rief der Wolf, und seine dröhnende Stimme hallte wie ein Bienenstock an den engen Steinen des Brunnens wider. Der Schlaue Fuchs wollte diese einzigartige Gelegenheit sogleich nutzen und legte ein durch und durch unschuldiges Lächeln auf sein Gesicht. "Hier unten gibt es ein Gelage aus köstlichem Käse; ich bringe es nicht übers Herz, diesen seltenen Geschmack zu lassen und hinaufzusteigen", antwortete er. Der Wolf, dem der Hunger die Augen verdunkelte, schluckte den Köder ohne nachzudenken, als er diese süßen, appetitanregenden Worte hörte. "Und wie kann ich zu dir an diese großartige Tafel hinabsteigen?", fragte der Wolf voller Aufregung. Mit klugem Gebaren sagte der Fuchs: "Steig in den leeren Eimer dort oben, er wird dich sicher in die Mitte des Genusses hinablassen."

Ohne das geringste Zögern setzte sich der Wolf in den hölzernen Eimer an der Brunnenöffnung und ließ sich in die Tiefe hinab. Während der Eimer von der Last des schweren Wolfes rasch nach unten gezogen wurde, begann der untere Eimer, in dem der Fuchs saß, nach oben zu gleiten. Als sich die beiden Eimer genau in der Mitte des Brunnens begegneten, starrte der Wolf den Fuchs mit tief verwunderten Blicken an. Mit spöttischer Heiterkeit sagte der Fuchs: "So ist die Ordnung der Welt, mein Freund: Während der eine hinabsteigt, steigt der andere hinauf." Der Fuchs, der Licht und Freiheit wiedererlangt hatte, sprang aus dem Eimer und lief fröhlich über die sattgrünen Wiesen. Der ahnungslose Wolf aber blieb auf dem Grund des dunklen Brunnens ganz allein mit dem trügerischen Spiegelbild des Vollmonds zurück. Wer seiner Gier erliegt und unbesonnen handelt, kann niemals vermeiden, der Schlauheit anderer zum Opfer zu fallen. Wer durch eigene Schuld fällt, weint nicht.