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Der Fuchs, der dem Hahn die Beichte abnahm

Niveau C1 · 419 Wörter

Der Fuchs, der dem Hahn die Beichte abnahm

Vor langer Zeit lebte auf dem Zaun eines fröhlichen Hofes, wo die goldenen Ähren flüsterten, ein stolzer Hahn mit einem Kamm. Mit dem ersten Licht des Morgens weckte dieser Hahn mit seiner schrillen Stimme das ganze Tal und verbreitete ringsum Freude. In den Tiefen des Waldes aber streifte ein betagter Fuchs umher, der für seine Schläue bekannt war und dessen Augen vor Gier glänzten. Eines schönen Tages nahm sich der Fuchs vor, diesen ansehnlichen Hahn zu erbeuten, der auf dem hohen Zaun stand. Da er aber wusste, dass es schwer war, den Hahn zu erreichen, kam ihm eine hinterhältige List und ein süßes Spiel in den Sinn. Mit langsamen Schritten näherte sich der Fuchs dem Fuß des Zauns, beugte den Hals und hob mit betrübter Miene den Kopf. "O erhabener Hahn, Verkünder der Morgenstunde, schenke bitte meiner Stimme Gehör", rief er.

Der Hahn blickte misstrauisch hinunter und fragte: "Was hat ein Jäger wie du mit mir zu schaffen?" Der Fuchs seufzte tief und sprach weiter, während er eine falsche Träne aus den Augen fließen ließ. "Ich habe all die Sünden bereut, die ich in der Vergangenheit begangen habe, und bin nun entschlossen, aufrichtig Buße zu tun." "Jahrelang habe ich unschuldige Vögel wie dich gejagt; ich winde mich vor Gewissensbissen und kann nachts nicht schlafen." "Wenn du herabkommst und meine Beichte hörst, wird meine Seele Frieden finden und ich werde ganz bei dir Zuflucht nehmen." Der Hahn glaubte an diese plötzliche und übertriebene Wandlung des listigen Fuchses nicht recht, verlor aber auch nicht die Fassung. "Du hast also jener dunklen Gier in dir entsagt und willst Vergebung, ist es so?", antwortete der Hahn.

"Ja, mein Freund; komm bitte vom Zaun herunter, damit wir einander umarmen und diesen Frieden besiegeln", sagte der Fuchs aufgeregt. Der Hahn reckte den Schnabel, betrachtete den Horizont und lächelte weise. "Ich käme herunter und hörte deine Beichte an, doch es wäre richtiger, wenn wir auf die Meute der Jagdhunde warten, die hinter dir kommt", sagte er. "Auch die großen Hirtenhunde laufen hierher, und sie werden gewiss deiner heiligen Buße beiwohnen wollen." Bei dem Wort "Jagdhunde" stellten sich dem Fuchs die Haare zu Berge und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. "Ich hatte einen dringenden Gang; wir sehen uns ein andermal!", sagte er und floh, ohne sich auch nur umzublicken, in den Wald hinein. Der kluge Hahn aber lachte laut hinter seinem listigen Freund her und blieb weiter sicher auf seinem Zaun. Um die Absicht der Lügner zu erkennen, die mit süßen Worten Reue heucheln, muss man nicht allein auf ihre Worte schauen, sondern auf ihre Taten in der Vergangenheit. Der Wolf wechselt sein Fell, aber nie sein Wesen.