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Der Falke und die Tauben

Niveau C1 · 373 Wörter

Der Falke und die Tauben

Vor langer Zeit gab es tief in einem dichten Eichenwald ein prachtvolles Nest, in dem weißflügelige Tauben friedlich lebten. Diese lieblichen Vögel schwebten den ganzen Tag am blauen Himmel und zwitscherten am Abend fröhlich auf ihren hölzernen Sitzstangen. Doch die räuberischen Milane, die in den benachbarten Bergen Streife zogen, warfen von Zeit zu Zeit einen Schatten auf dieses reine Glück und verbreiteten Angst. Die friedlichen Tauben waren erschöpft davon, bei jedem Flügelschlag auf der Hut zu sein und sich ständig zu verstecken. Gerade in diesen bangen Tagen ließ sich ein listiger und stattlicher Habicht mit silberfarbenem Gleitflug in der Nähe des Nestes nieder. Der Habicht wandte sich an die Versammlung der Tauben und gab seiner Stimme einen sanften, vertrauenerweckenden Klang. "Warum lasst ihr diese zarten Flügel vor Furcht zittern und verbringt ein ganzes Leben unter der Bedrohung der Milane?", fragte er.

Der alte Anführer der Tauben senkte mit tiefer Sorge in den Augen hilflos den Kopf. Der listige Habicht ließ die Gelegenheit nicht verstreichen und fuhr mit überzeugender Miene in seinen trügerischen Worten fort. "Krönt mich zu eurem Herrscher; mit meinen geübten Klauen will ich euch für immer vor jeder äußeren Gefahr schützen." Die arglosen Tauben brachten nicht die Einsicht auf, die verborgenen Absichten hinter diesem verlockenden Angebot abzuwägen. Aus falscher Sehnsucht nach Frieden riefen sie den räuberischen Habicht zu ihrem König aus und schworen ihm bedingungslosen Gehorsam. Doch kaum saß der Habicht auf dem Thron, da zögerte er nicht, sein wahres Gesicht zu zeigen. Am nächsten Morgen nahm er die fetteste Taube der Schar, die er zu schützen vorgab, in seine erbarmungslosen Klauen und verspeiste sie mit Genuss.

An jedem folgenden Tag fiel eine weitere arme Taube dem unersättlichen Appetit des Habichts zum Opfer. Die Tauben ergriff tiefe Reue über diesen grausamen Herrscher, der weit unbarmherziger war als die Milane, ihre alten Feinde. Die wenigen verbliebenen Vögel fanden keinen Ort, um den Klauen des grausamen Herrschers zu entkommen, und standen einer bitteren Wahrheit gegenüber. Spät, doch immerhin, begriffen sie, dass es das größte Verderben ist, bei einem grausamen Beschützer Zuflucht zu suchen, um einer Gefahr zu entgehen. Während sie hilflos flatterten, blieb ihnen nichts, als über das Unglück zu weinen, das sie mit eigenen Händen gewählt hatten. Seelen, denen die Furcht die Augen blendet, sind dazu verdammt, in falschen Zufluchtsorten ihre Freiheit und ihr Leben zu verlieren. Vom Regen in die Traufe.