Der Falke und der Milan
Es war einmal in dem dichten flüsternden Wald jenseits der grünen Täler ein edler Falke, der der Herrscher der Himmel war. Dieser mutige Vogel glitt mit seinem scharfen Blick zwischen den Wolken und gab mit seiner Erhabenheit allen Geflügelten Vertrauen. Eines Tages erschien auf denselben hohen Klippen ein kleiner und schlauer Milan. Der Milan brannte vor Verlangen, die Freundschaft des Falken zu gewinnen und wie er geachtet zu werden. Der Milan, der eine mit Neid gemischte Bewunderung empfand, beschloss endlich an einem windigen Morgen, sich dem Falken zu nähern. "O stolzer Jäger der Himmel, ich bin gekommen, um mit dir eine große Jagdgemeinschaft zu gründen", begann der Milan zu reden. Der Falke war über das selbstbewusste Auftreten dieses winzigen Vogels erstaunt und blickte ihn mit neugierigen Augen an.
Der Milan blähte mit übertriebener Miene seine Brust auf und prahlte: "Wenn ich will, kann ich sogar eine riesige Bergziege niederschlagen." Der Falke lächelte vor einer so unmöglichen Behauptung leicht, aber er nahm das Angebot an. "Wenn es so ist, dann fange den großen Hirsch, der in jenem Tal weidet, damit ich dein Geschick sehe", sagte der Falke. Der Milan, der fürchtete, unter der Lüge zerdrückt zu werden, die er gesagt hatte, holte tief Luft, als er begriff, dass er nicht zurücktreten konnte. Er nahm den scharfen Wind in den Rücken und begann rasch nach unten zu gleiten, auf das große Tier im Tal zu. Doch je näher er seinem Ziel kam, desto mehr erschreckte ihn die Größe der Beute, und in Panik verlor er die Beherrschung. Der Milan, der seine Flügel nicht sammeln konnte, prallte mit großem Lärm gegen einen harten Busch mitten in den Felsen.
Der arme Milan, der zappelnd aus den Büschen kam, blickte mit zerzausten Flügeln und in einem jämmerlichen Zustand zu dem Falken. Als der Falke diesen erbärmlichen Zustand sah, glitt er hinab und landete neben ihm. "Dich an Taten zu wagen, für die deine Kraft nicht reicht, und große Worte zu reden, hat dir nur geschadet", sagte der Falke. Der beschämte schlaue Milan begriff seinen Fehler und senkte still den Kopf. Von jenem Tag an redete er nie wieder große Worte über Taten, die er nicht tun konnte. Das leere Prahlen der Menschen, die ihre eigenen Grenzen nicht kennen, demütigt sie eines Tages vor allen. Iss einen großen Bissen, aber sprich kein großes Wort.